ATM als Kundenkontaktpunkt: Zwischen Anspruch und Alltag
Fragen Sie eine Bank, ob der Bancomat ein Marketinginstrument ist, lautet die Antwort fast immer «Ja». Sichtbarkeit, Kundennähe und Branding im öffentlichen Raum: Das klingt überzeugend, und es ist auch nicht falsch.
Juni 2026
Inhaltsbereich
Was der ATM theoretisch leistet
Ein Bancomat mit dem Logo der Bank steht im Dorfzentrum, am Bahnhof oder vor der Filiale. Er ist sichtbar, rund um die Uhr verfügbar und erinnert täglich daran, dass diese Bank hier präsent ist. Für Institute mit regionalem Fokus ist das keine Kleinigkeit – Präsenz ist Vertrauen und Vertrauen ist für eine Retailbank ein echter Wettbewerbsfaktor.
Dazu kommen die technischen Möglichkeiten: Screens, die Inhalte wie Hinweise auf Produkte, Veranstaltungen und Kontaktmöglichkeiten ausspielen können. Im Prinzip ein eigener Kanal, der täglich von echten Kundinnen und Kunden genutzt wird.
Was in der Praxis passiert
Wer in der Branche ehrlich ist, weiss: Das Potenzial und die Nutzung liegen selten nah beieinander. Screens zeigen Standardinhalte oder laufen leer. Kampagnen werden für andere Kanäle entwickelt und nachträglich auch «über den ATM» ausgespielt. Eine gezielte Strategie für den Geldautomaten als Kontaktpunkt mit definierten Inhalten, Zielgruppen und Erfolgsmessung ist die Ausnahme.
Dabei wäre technisch deutlich mehr möglich. Im Ausland gibt es bereits Digital-Signage-Lösungen, die auf Umgebungsfaktoren wie Tageszeit, Wetter und Standortkontext reagieren. Ein Gerät in einer Tourismusregion könnte morgens andere Inhalte zeigen als abends, ein Stadtgerät andere als eines im Dorfzentrum. Nichts davon erfordert personenbezogene Daten – es ist schlicht kontextsensitive Kommunikation, wie sie im stationären Handel längst Standard ist.
In der Schweiz wird das im ATM-Bereich kaum diskutiert. Dazu kommt eine nüchterne Realität: Digital Signage braucht Frequenz, um zu wirken. Ein kontextsensitiver Screen an einem Gerät mit 20 Transaktionen pro Tag ist Dekoration. Wer Marketing ernst nimmt, muss zuerst den Standort ernst nehmen. Dazu kommt eine tief verwurzelte Neigung zur Unauffälligkeit: Der Bancomat soll funktionieren, nicht auffallen. Das ist eine Haltung, keine Strategie. Und sie kostet täglich Kommunikationspotenzial, das bereits bezahlt ist.
Was sinnvoll wäre
Die eigentliche Frage ist daher auch eine Strategiefrage: Will die Bank den ATM als Marketinginstrument nutzen? Ein solcher «Marketing ATM» braucht Sichtbarkeit, einen optimalen Standort und ein klares Konzept.
Die Entscheidung, die selten explizit getroffen wird, ist genau diese: Infrastruktur oder Instrument? Beides ist richtig. Beides nebeneinander – halb das eine, halb das andere – ist meistens das Teuerste.
Autor: Patrick Hinni