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Mythos Simplon

Dü-da-doo! Vor 100 Jahren eroberte das PostAuto die Schweiz – dank der Bergroute über den Simplon und nach Laax im Bündnerland. Wir haben Pius Allenbach auf seiner Fahrt auf den Walliser Pass begleitet.

Magalie Terre

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Die erste Fahrt

«Meine erste Fahrt über den Simplon? Das war vor 37 Jahren», sagt Pius Allenbach mit verschmitztem Lächeln. Der Briger PostAuto-Fahrer kennt jeden Winkel, jede Kurve der Passstrasse, die von Brig über die Ganterbrücke auf 2005 Meter Höhe zum Hospiz führt, von da weiter südwärts nach Simplon Dorf und durch die Gondoschlucht nach Domodossola. Eine Stunde und 45 Minuten dauert die Fahrt, 33 Haltestellen gibt es zu bedienen.

Es ist Ende Mai, auf beiden Strassenseiten türmen sich hohe Schneewalme. «Erst im Hochsommer schmelzen sie weg», weiss Pius Allenbach. Prächtig erhebt sich das dreigeschossige Simplon-Hospiz auf der Passhöhe. Die Grundsteinlegung des grössten Hospizes der Schweizer Alpen geht auf Napoleon Bonaparte zurück, fertiggestellt wurde es 1831 durch die Chorherren des Grossen St. Bernhard.

Kanonenschleuse und erste Reisepostroute

Der französische Kaiser war es denn auch, der für eine sichere Passüberquerung sorgte. Da er mit seinen Kanonen in den Süden ziehen wollte, musste eine richtige Strasse her. So entstand in rund sechsjähriger Bauzeit die gut 60 Kilometer lange Simplonstrasse, die 1806 eingeweiht wurde. Von da an rollten die ersten Postkutschen über den Simplon: Er ging als erster Alpenpass für den Reisepostverkehr in die Geschichte ein.

Mit dem berühmten Franzosen verbindet Pius Allenbach etwas Besonderes: «Ich bin an der Napoleonstrasse in Brig-Glis aufgewachsen.» Als junger Mann fing der heute 61-Jährige bei der Post als Briefträger an. «Nach ein paar Jahren hatte ich Lust auf etwas Neues. Ich machte den Führerausweis für Lastwagen und sattelte aufs Postauto um», erzählt er. «Zuerst arbeitete ich in der Garage, dann wurde ich Chauffeur.» Heute ist Pius Dienstältester im Regiebetrieb Brig.

Auf dem Berg zuhause

«Mein Beruf hat sich stark verändert. Früher trug ich auf der Fahrt auch Pakete und Zeitungen aus. Ich hatte mehr Zeit für einen Schwatz mit den Einheimischen. Heute sind die Fahrpläne straffer.» Freude an seinem Beruf hat Pius jedoch nach wie vor. Er plaudert mit interessierten Ausflüglern, scherzt mit Bekannten und bringt Schüler nachhause, die täglich von Simplon Dorf nach Brig in die Sekundarschule pendeln. Und hat er mal Zeit für einen Kaffee, ist da immer jemand, den er kennt.

Von Adleraugen bewacht

Auf einer Anhöhe über der Passstrasse thront stolz der berühmte Steinadler. Das acht Meter hohe Mahnmal erinnert an den Einsatz des Schweizer Grenzschutzes im Zweiten Weltkrieg. Soldaten sind auch heute noch häufig anzutreffen – das alte Hospiz mit dem schlossartigen Stockalperturm gehört heute der Armee. Es ist regelmässig Unterkunft für Artilleriesoldaten während ihres WK.

Gefährliche Fahrt

Mit Soldaten hatte Pius Allenbach denn auch ein unvergessliches Erlebnis in seiner Karriere als PostAuto-Fahrer. «Es war Winter, und wir mussten rund 400 Soldaten auf den Pass führen.» Das Wetter war katastrophal schlecht, es wehte ein heftiger Wind und der Schnee fiel horizontal. «Die Sicht war gleich null und der Pass war offiziell gesperrt», erinnert sich der Briger. Was die mutigen Fahrer jedoch nicht daran hinderte, den Pass zu erklimmen: «Zehn Postautos im Konvoi, angeführt von einem Schneepflug. Dass die Fahrt ohne Zwischenfall verlief, grenzte an ein kleines Wunder.»

Schmugglerpfad und Salzstrasse

Der Weg vom Wallis Richtung Süden war schon im 17. Jahrhundert beliebt – aber nicht für gemütliche Touristenfahrten. Damals waren es Schmuggler, die zu Fuss die abenteuerliche Reise durch die steile Gondoschlucht auf sich nahmen, um im Juterucksack Zigaretten und Zucker nach Italien zu schleppen.

In entgegengesetzter Richtung trotteten die Saumtiere des berühmten Briger Handelsherrn Kaspar Jodok von Stockalper, der die Simplonstrasse für Salztransporte vom Mittelmeer her nutzte.

Panoramafahrt

Die Simplonlinie gilt als schönste Alpenüberquerung. Eine Meinung, die auch Pius Allenbach vertritt. «Mich überwältigt das prächtige Bergpanorama hier oben immer wieder aufs Neue», schwärmt er. Kommt er in Domodossola an, fühlt er sich jeweils in den Ferien. «Ich schlendere durch das malerische Altstadt und gönne mir einen Teller feine Pasta, bevor es wieder nach Brig geht.» Und er freut sich dann auch immer wieder auf die Passroute den Berg hinauf.

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verfasst von

Magalie Terre

Redaktorin