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«Das ist superpraktisch!»

Nadja Schmid ist ein Energiebündel. In ihrem Rollstuhl, testet sie in der Filiale in Zollikofen, was es mit der Barrierefreiheit bei der Post auf sich hat.

Claudia Langenegger

Nadja Schmid arbeitet seit neun Jahren als Beraterin im Kontaktcenter von PostFinance im 2nd Level Support. Copyright: Monika Flückiger

Die 30-jährige Frau ist eine ungewöhnliche Mitarbeiterin der Post: Sie sitzt im Rollstuhl. Seit neun Jahren arbeitet sie als Beraterin im Kontaktcenter von PostFinance im 2nd Level Support. «Hier geht es um Technik, Sicherheit, das Login oder die App», erklärt Nadja Schmid fröhlich. Rastazöpfchen umrahmen ihr Gesicht, am Handgelenk trägt sie farbige Bänder, flink manövriert sie ihren Elektrorollstuhl.

In einer Filiale nach neuem Konzept in Zollikofen testen wir, was es mit der Barrierefreiheit bei der Post auf sich hat. Es gibt keine Glaswände, keine abgeschotteten Schalterräume, der Kundenbereich ist für die Mitarbeitenden frei zugänglich und in der Mitte steht ein Kubus für Beratungen. «Das ist superpraktisch!», freut sich Nadja Schmid, denn auf der einen Seite des Kubus befindet sich eine Tischplatte, sie kann bequem mit ihrem Rolli heranfahren. Einer der drei Schalter besitzt eine Tischplatte und ein Kartenterminal mit schwenkbarem Arm. Filialleiterin Franziska Rechsteiner erklärt: «Wir können auch problemlos zu den Kunden nach vorne gehen.» Das neue, offene Konzept findet sie toll. «Es ist alles einfacher und unkomplizierter.»

Nadja kann das Paket nicht auf ihrem Schoss zwischenlagern, als sie den Screen bedienen will; sie ist zu klein. «Barrierefreiheit ist halt individuell». Copyright: Monika Flückiger

Barrierefreiheit ist individuell

Beim Eingang kann man selbstständig Pakete zurücksenden: Es hat eine Rückgabe-Box und ein Gerät für den Code und die Quittung. «Ein Touchscreen – das ist für mich immer praktisch», meint Nadja Schmid. Doch sie kann das Paket nicht auf ihrem Schoss zwischenlagern, als sie den Screen bedienen will; sie ist zu klein. «Barrierefreiheit ist halt individuell, es bedeutet für alle Rollifahrer etwas anderes.»

Der Postomat ist der Höhe von Rollstuhlfahrern angepasst. Aber: «Es bräuchte in der Wand eine Einbuchtung für meine Beine, damit ich nahe genug rankomme.» Seitwärts geht’s so einigermassen. Um die Karte und das Geld alleine rauszuziehen, fehlt ihr aber die Kraft. Zum Glück begleitet sie meistens eine ihrer Assistentinnen. Heute ist es Hanna, die sie mit dem Auto hergebracht hat.

Tolles Team

Nadjas Krankheit heisst Muskelatrophie und ist angeboren. Dabei leiten Nervenzellen Impulse an die Muskeln schlecht oder gar nicht weiter, es kommt zu Muskelschwund. «Einfacher gesagt: Ich habe überall zu wenig Kraft», erklärt Nadja Schmid. An ihrem Arbeitsplatz gibt es Türen, die sie nicht öffnen kann, Wasserspender, die sie nicht bedienen kann, und zum Thema Kaffeeautomaten meint sie nur lakonisch: «Zum Glück trinke ich keinen Kaffee!» Sie rollt lustig mit den Augen und meint: «Dafür hat man ja das Team: Meine Kollegen sind immer für mich da.»

Nadja Schmid testet den Zugang zum Briefkasten. Copyright: Monika Flückiger

Mit Freude in den Alltag

Was ihr an Körperkraft fehlt, das hat Nadja Schmid an Lebenskraft und Lebensfreude. Sie besucht gerne Open Airs und Goa-Partys, liebt Reggae und geht regelmässig mit ihren beiden Hunden spazieren. Nadja lebt mit ihrem Freund zusammen, er ist Schreiner. Auch der vorherige, langjährige Freund war Handwerker. «Ich brauche einen Mann mit kräftigen Oberarmen, der mich tragen kann!», sagt sie schelmisch. Die gebürtige Freiburgerin ist gerne auch für andere da. Sie ist als Beraterin tätig und berät Menschen mit Behinderungen und Schwierigkeiten aller Art.

verfasst von

Claudia Langenegger

Redaktorin