Menschen

Der Pöstler und seine Königin

Seine sieben Ehringer Ringkampfkühe sind sein Leben. Der Walliser Christian Sermier träumt von einem nationalen Sieg.

Magalie Terre

Die Ringkampfkühe vom Stall auf die Alpenwiese.
Die stolzen Kuhbesitzer führen ihre Ringkampfkühe frühmorgens vom Stall auf die Alpenwiese. (Copyright: Isabelle Favre)

Alp Serin, oberhalb von Ayent im Unterwallis – schon der Aufstieg zu der Alpweide auf 1800 Metern über Meer ist ein Abenteuer. Die enge und unübersichtliche Strasse schlängelt sich den Berg hinauf, vorbei an tiefen Schluchten und durch dichte Lärchenwäldern. Von Weitem hört man Kuhglocken und laute Schnaubgeräusche. Oben angekommen eröffnet sich der Blick auf eine Kuhherde der Eringerrasse, alle mit einer Nummer versehen. An diesem idyllischen Ort, umringt von imposanten Berggipfeln, die teilweise noch mit Schnee bedeckt sind, kämpfen die Kühe auf natürliche Weise um die Gunst der Leitkuh - Alpkönigin und Anführerin des Alpaufzugs.

Bereit zum Kampf

Mitten im Geschehen steht Christian Sermier. Sein Gesichtsausdruck ist eher zurückhaltenden aber freundlich, mit einem treuen Blick, der an den gutmütigen Blick einer Kuh erinnert. Er trägt ein traditionelles Edelweiss-Hemd und hält einen Stock in der Hand. Vom Zaun aus beobachtet er Viola, seine Kuh und feuert sie mit liebevollen Worten an. Seine Stimme klingt ruhig aber bestimmt.

Die Eringer Kühe, eine weltweit einzigartige Rinderrasse, besitzen von Natur aus einen ausgeprägten Herdentrieb. Sie sind kräftig gebaut und haben starke Hörner. (Copyright: Isabelle Favre)

Ganz spontan wählt sie sich ihre Rivalin aus. Sie neigt den Kopf, kratzt mit den Hufen am Boden und atmet laut aus. Dann beginnt der Kampf. Die Hörner prallen aufeinander und kreuzen sich. Mit aller Kraft rücken die zwei Rivalinen vor und treten zurück, je nach Stärke. Nach mehreren Minuten entfernt sich die Verliererin. «Sie ist einfach die Beste», sagt Christian Sermier. «Die beiden letzten Jahre ging sie hier als Siegerin hervor», verkündet er voller Stolz. Sofort spürt man die tiefe Verbundenheit zwischen ihm und seiner Viola.

(Copyright: Isabelle Favre)

«Meine Kühe sind wie meine Kinder»

Der fünfzigjährige Christian ist in Ayent aufgewachsen, hoch oben über dem Rohnetal. Seit 33 Jahren ist er Pöstler. Obwohl seine Eltern keine Kühe besassen, hat er seine Passion zu den Eringern-Kühen bereits in seiner Kindheit entdeckt. Seine Freunde nahmen ihn regelmässig mit an Kuhkämpfe. So wurde die Faszination für die alte Schweizer Tradition mit den Jahren immer stärker. Mit 23 Jahren erfüllte er sich seinen Traum von einer eigenen Ehringer-Kuh. Seine erste Kampfkuh kaufte er von einem Freund und Züchter, der zufälligerweise gleichzeitig die Rekrutenschule absolvierte. Heute besitzt Christian sieben Kühe. Er hegt und pflegt sie, als wären sie seine eigenen Kinder. Wenn eine seiner Kühe verletzt oder krank ist, scheut er weder Kosten noch Mühe, um sie wieder auf die Beine zu bringen. Für Christian ist es immer ein besonderes, aber auch sorgenvolles Ereignis, wenn eine Kuh kalbert.

(Copyright: Isabelle Favre)

Ein Schluck Weisswein vor dem Kampf

Kuhkämpfe sind hochemotional. Manchmal werden Konflikte der Besitzer durch deren Tiere ausgetragen. Davon kann Christian Sermier ein Liedchen singen. Er selber bezeichnet sich als «chaud bouillant», als hitzköpfig. Er mag es nicht, wenn jemand seine Kühe kritisiert. Doch genau das hat einmal ein gegnerischer Kuhbesitzer gewagt. Schon im Vorfeld deklarierte er sich als Sieger. Daraufhin, erzählt Christian, habe er nur kühl geantwortet: «Deine Kühe wissen es zu verlieren, du aber nicht». Prompt stand eine halbe Stunde später die Siegerin fest. Und siehe da, der Gegner ging als Verlierer von der Alp. Christian hat schon viele Siege errungen. Diese werden jeweils mit Kuhglocken prämiert. Mit viel Disziplin, der richtigen Ernährung und dem physischen Training sind seine Kühe in Höchstform. Rituale spielen dabei eine genauso wichtige Rolle. «Ich mische meinen Kühen vor dem Kampf einen Schluck Walliser Weisswein ins Trinkwasser», sagt Christian. Mehr verrät er nicht, denn die Konkurrenz hört mit.

verfasst von

Magalie Terre

Redaktorin