Menschen

Der Wetterschmöcker, der die Post bringt

Seit 35 Jahren ist Godi Bircher Pöstler in Adelboden. Er bringt nicht nur Briefe und Pakete, er ist auch ein guter Wetterschmöcker und weiss, ob die Bauern das Heu eintun müssen oder nicht.

Claudia Langenegger

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«Wenn das Sonnenlicht abends langsam den Lohner hinaufsteigt und mit einem Leuchten abschliesst, ist das Wetter am nächsten Tag gut», erklärt Godi Bircher in heimeligem Adelbodner Dialekt und zeigt auf den Berg, der auf der anderen Talseite seine Flanken in das Azurblau des Himmels streckt. «Wenn das Sonnenlicht aber plötzlich verschwindet, böset das Wetter.»

Der 61-jährige Pöstler steht vor seinem dunkelbraunen Holzhaus, endlos zieht sich die saftige Wiese grün den Hang hoch. Löwenzahn leuchtet. Ringsum imposant die Berggipfel.

Ein Heimetli wie aus dem Bilderbuch

«Das ist ein kleines Paradies auf Erden», schwärmt Godi Bircher. Auf diesem Flecklein Erde ist der Adelbodner mit vier Geschwistern aufgewachsen, hier hat er mit seiner Frau seine vier Töchter aufgezogen und hier wohnt er noch immer. Erbaut hat das Haus sein Grossvater im Jahr 1900 – mit 1500 Franken für das Holz und mit Wiederhilfe der benachbarten Bauern: Man half sich damals gegenseitig mit Arbeit aus.

Als 16-Jähriger machte Godi seine Lehre bei der Post, seit 35 Jahren trägt er täglich in Adelboden Pakete und Briefe aus. Man kennt ihn – aber nicht nur als Pöstler, sondern auch als Wetterschmöcker. «Bin ich auf Tour, werde ich von den Bauern häufig gefragt, wie das Wetter wird und ob sie mähen können oder nicht.»

Per Post die Wetternews

Wie etwa der Trummer Köbi im Egerenschwand, wie er sich erinnert. «Ich habe auf der Fahrt zu ihm gesehen, wie die Spinnen ihre Netze frisch aufziehen – das heisst, das Wetter schönt und bleibt gut.» So war es denn auch – der Trummer Köbi mähte und konnte das Heu ein paar Tage später trocken einbringen. Der Pöstler beobachtet auch das Zirpen der Grillen, die Form der Wolken, das Laub an den Bäumen oder das Verhalten der Kühe, er erkennt die «wilde Sonne» und wenn die Wolken Haken schlagen. Er weiss auch, was es bedeutet, wenn Schneefahnen über dem Lohner wehen. «Dann bleibt es schön, aber kalt.»

Bei ihm gibt es aber nur noch Kurzzeitprognosen. Denn mit der Klimaerwärmung hat sich alles verändert: «Die Naturzeichen für längerfristige Voraussagen sind nicht mehr zuverlässig.»

Sozialer Kitt

Allmorgendlich knattert er kurz vor sechs Uhr mit seinem roten Töffli Jahrgang 1991 quer durchs Dorf zur Arbeit. Post zu verteilen hat bei ihm viel mit Dorfleben und sozialem Austausch zu tun. Bircher erinnert sich gut an den Tag, als er beim Kalbern hätte helfen sollen. «Es ging schlussendlich ohne mich», erzählt er. Und das Kälbchen kam gesund zur Welt. Geblieben ist ihm auch jener Morgen, als die ältere Frau, der er jeweils die AHV brachte, ihm keinen Kaffee anbot – wie sie dies sonst immer tat. Zurück im Dorf teilte er es ihrem Sohn mit: «Da stimmt etwas nicht mit deiner Mutter.» Der Junior ging umgehend zu ihr. Und tatsächlich, sie musste per Ambulanz ins Spital gebracht werden.

Per Skier Briefe einwerfen

Bis 2005 hat Godi Bircher im Winter die Post sogar auf Skiern verteilt. «Ich fuhr den Bügellift am Chuenisbärgli hoch», erinnert sich der chäche Adelbodner. «Ich hatte die Posttasche umgehängt und manchmal auch ein oder zwei Päckli unter den Armen.» Bei jedem Wetter und bei jeder Kälte musste er auf die Piste. Wenigstens war das Skifahren für den waschechten Oberländer kein Problem: Als siebenfacher PTT-Schweizermeister steht er auch heute regelmässig auf den Skiern. «Vom Schlafzimmer kann ich direkt auf die Piste», meint er schmunzelnd. Birchers wohnen direkt am Pistenrand. Ein paar Schwünge talwärts befindet sich die Talstation der Weltcup-Strecke Chuenisbärgli. Und seit 13 Jahren führt seine Frau Annemarie während der Saison im ausgebauten Schopf die Schneebar «Burriszuun».

Die Familie ist sein Daheim, das Dorf ist sein Leben

Der schönste Tag als Pöstler? «Als meine Tochter als Vorfahrerin am Weltcup den Riesenslalom fuhr.» Das war ein Highlight. Die Bande zu seinen Kindern ist eng. Fast täglich kommt eine seiner vier Töchter mit den Kindern vorbei. Im Moment ist der fünfjährige Grossbub Nuri bei ihm. Auch heute konnte er mit dem «Tätti» eine kurze Runde mit dem roten Töffli drehen.

Der Wetterschmöcker hat auch ein Rezept für ein gutes Leben: «Man muss Prioritäten setzen und wissen, was wichtig ist.» Bei ihm ist das die Familie und die Post. Freizeitstress? «Das kenne ich nicht.» Reichtum bedeutet für ihn: «Abends mit einer gesunden Müdigkeit ins Bett zu fallen.»

Um halb neun gehts ins Bett, um halb fünf steht er wieder auf den Beinen, eine gute Stunde später braust er zur Post. Godi Bircher gehört zum Dorfleben Adelbodens, jeder kennt ihn und er grüsst jeden. Mit Freude und voller Energie. Immer. Egal wie das Wetter ist.

Die Naturzeichen für längerfristige Voraussagen sind nicht mehr zuverlässig.

Godi Bircher

verfasst von

Claudia Langenegger

Redaktorin