Innovation & Technologie

«Die Digitalisierung stellt die Dinge und die Wertschöpfungskette auf den Kopf»

Welches sind die neuen Technologietrends – und wie beeinflussen sie unser Leben? André Kudelski, Präsident von Innosuisse und CEO der Kudelski Group, ist der Ansicht, dass der Post in Sachen Digitalisierung eine wichtige Rolle zukommt. Ein Interview.

Claudia Iraoui

André Kudelski, Präsident Kudelski SA
André Kudelski ist Verwaltungsratspräsident und CEO der Kudelski Group, eines Weltmarktführers für digitale Sicherheit. «Ich bin überzeugt, dass die neuen Technologien unsere Lebensqualität verbessern werden. Es wird in etwa wie beim Feuer sein: Jene, die es entdeckten, hatten Angst davor, jene, die es beherrschten, veränderten das Leben der Menschen.» (Copyright: Alessandro Velloni)

Die Schweiz wurde kürzlich von der World Intellectual Property Organization das innovativste Land der ganzen Welt gekürt. Warum ist sie seit acht Jahren an der Spitze?

Ihre ausgeprägte Innovationsfähigkeit ist nicht aus einem einfachen Rezept heraus entstanden, sondern aus einer Kombination mehrerer Faktoren. Es reicht nicht, gute Ideen zu haben, man muss sie auch verwirklichen können.

Die Hochschulen und Universitäten der Schweiz haben ein sehr hohes Niveau, fünf von ihnen sind unter den hundert weltbesten.

Wir verfügen zudem über die Fähigkeit, die Grundlagenforschung in die Praxis zu übertragen – und zwar dank der ausgezeichneten F&E unserer Unternehmen und der exemplarischen Qualität der gesamten Herstellungs- und Vertriebskette. Damit ein innovatives Produkt ein Erfolg wird, darf kein Schritt vernachlässigt werden. Diese Qualität ist ein wichtiger Trumpf der Schweiz. Hinzu kommen die qualifizierten und kompetenten Arbeitnehmenden auf allen Stufen und in allen Berufen.

Für den Erfolg einer Innovation ist es auch wichtig, dass sich die Unternehmer auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Dafür müssen sie auf eine qualitativ hochstehende Infrastruktur zählen können, zu der auch die Post als Ganzes gehört.

Ich glaube auch, dass die kulturelle Vielfalt der Schweiz einen Nährboden für innovative Ideen bietet, so wie es schon immer pragmatische Lösungen brauchte, um unser politisches System aufzubauen und funktionsfähig zu erhalten.

Dennoch dürfen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir müssen uns ständig hinterfragen und die Zukunft nicht einfach als Extrapolation der Vergangenheit planen. Insbesondere müssen wir darüber nachdenken, welche Szenarien unseren Wirtschaftsstandort in Zukunft beeinflussen werden.

Was sind die wichtigsten Technologietrends für die Zukunft?

Da ist natürlich die Digitalisierung in all ihren Facetten, die die Welt revolutioniert. Damit die Digitalisierung gelingt und sie unter den besten Bedingungen stattfinden kann, brauchen wir die klassischen Informations-, aber auch verwandte Technologien. Dazu gehören die Cyber Security, die verhindert, dass die Digitalisierung von Kriminellen missbraucht wird, aber auch die künstliche Intelligenz, dank der die Digitalisierung auch sehr besondere Bedürfnisse individuell erfüllen kann. Viele Schweizer Unternehmen konnten sich im internationalen Markt in diesem Bereich positioniert.

Wir müssen uns bewusst sein, dass die Digitalisierung die Dinge und die Wertschöpfungskette auf den Kopf stellt. Ein Tesla ist nicht einfach ein Auto mit einem Elektromotor, sondern ein vernetzter Computer auf Rädern. Diese Tatsache verändert viel mehr als den Motor oder die Energiequelle.

Ein weiterer technologischer Trend sind die Nanomaterialien, die dank ihren Eigenschaften Probleme lösen können, die bisher als unlösbar galten. So lassen sich daraus leistungsfähige Textilien herstellen, die einerseits vor Feuchtigkeit schützen und andererseits gasdurchlässig und biologisch abbaubar sind.

Auch die Biotechnologien gehören zu den neuen Trends. Mit ihnen und ihrer programmierbaren «Intelligenz» lassen sich Probleme im Bereich der lebenden Organismen, insbesondere in der Medizin angehen.

Wie werden sie unser Leben verändern?

Allgemein gesagt, ermöglichen es diese neuen Technologien, die Bedürfnisse von Menschen, ob ausgesprochen oder nicht, immer besser zu erfüllen.

Noch vor 30 Jahren erforderte die Arbeit mit einem Computer spezielle Kenntnisse und war einer Elite von Informatikspezialisten vorbehalten. Heute müssen Computer einfach und intuitiv zu bedienen sein. Ingenieure nutzen die Leistungsfähigkeit der Technologie, damit Computer einfacher und leichter zugänglich werden, und nicht, um die Dinge komplizierter zu machen.

Diese tiefgreifenden Veränderungen – die kurz- oder langfristig zu Ungleichgewichten führen – können auch Angst machen. Persönlich bin ich aber davon überzeugt, dass die neuen Technologien unsere Lebensqualität verbessern werden. Es wird in etwa wie beim Feuer sein: Jene, die es entdeckten, hatten Angst davor, jene, die es beherrschten, veränderten das Leben der Menschen.

Für Personen, für die diese Entwicklungen «herausfordernd» sind, ist es nicht immer einfach, in der Übergangsphase mit den Veränderungen klarzukommen. Es müssen deshalb Strategien entwickelt werden, um die mit den Veränderungen verbundenen Unsicherheiten abzubauen.

Welche sind aus Ihrer Sicht relevant für die Post? 

Die Post erbringt zahlreiche Dienstleistungen, die die physische Verschiebung von Objekten erfordern, wie die Zustellung von Briefen und Paketen. Viele dieser Leistungen haben bereits heute ein dematrialisiertes Äquivalent – oder werden dies in Zukunft haben. Es ist übrigens kein Zufall, dass viele Postunternehmen die Berufe der Telegrafie und Telekommunikation bei sich integrierten, als diese Technologien entstanden.

Auch wenn heute die Funktionen der Post und der Telekom getrennt sind, können viele Postleistungen digitalisiert werden. Die Post spielt bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Es geht insbesondere um alle Funktionen im Zusammenhang mit der Übermittlung von Nachrichten, deren Authentizität und korrekte Zustellung garantiert werden müssen. Man sieht ja anhand von Fake News und Cyberattacken aller Art, dass die Zustellung von zertifizierten offiziellen Botschaften von den Telekomunternehmen in keiner Weise gelöst ist. Viele von ihnen beschränken sich auf die Telefonie und die Übermittlung von Medieninhalten und Daten.

Und schliesslich kann die Post eine wichtige Rolle beim E-Voting spielen, das gut konzipiert sogar sicherer sein kann als das briefliche Abstimmen. Nur weil das E-Voting mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hat, darf es nicht abgeschrieben werden. 

Die Post sucht immer wieder nach Innovationen, um den sich laufend verändernden Bedürfnisse der Kunden gerecht zu werden und ihnen das Leben einfacher zu machen. Ist die Post innovativ genug?

Einfach nur innovativ zu sein, ist nicht das Ziel. Die Innovationen müssen den Kundinnen und Kunden zugutekommen und ihr Nutzererlebnis verbessern, die Produktivität steigern und/oder die Arbeitsbedingungen verbessern. Sie müssen im Dienst der Mission der Post stehen, nicht umgekehrt.

Die Post hat auch das Glück, dass sie mit ihren Angestellten über ein sehr wertvolles Humankapital verfügt. Technologische Innovation muss dessen Wert noch steigern.

Am 21.11.2019 findet in Basel die 14. Ausgabe des Swiss Innovation Forum (SIF) 2019 statt. Für Inspiration während der führenden Innovationskonferenz der Schweiz sorgen viele spannende Speaker, wie z. B. André Kudelski. Im Rahmen des SIF wird der Swiss Technology Award, der bedeutendste Technologiepreis der Schweiz, vergeben. Die Schweizerische Post ist Main Partner vom SIF und vom Swiss Technology Award. 

verfasst von

Claudia Iraoui

Channel Manager Digital