Menschen

Post, berufliche Eingliederung und Sandwiches mit Cornichons

Seit 2012 arbeitet die Post in Pianezzo mit der Stiftung «Diamante» zusammen. Besuch im kleinen Lebensmittelladen und Treffpunkt der Valle Morobbia «Butega de la Val», der acht Personen mit Beeinträchtigungen eine willkommene Möglichkeit zur Eingliederung in den Arbeitsprozess bietet.

Claudia Iraoui

Copyright: Robin Bervini

Giuseppe strahlt zwischen Salami und Käse hinter der Theke hervor. Sichtlich in seinem Element, stellt er sein Verkaufstalent unter Beweis und preist lokale Spezialitäten an: «Diese Minisalami sind köstlich, hier ist der Giumello-Käse und das ist die Butter, die im Tal hergestellt wird. Es gibt sie nur im Sommer, und wir sind die einzigen, die sie verkaufen», erklärt er und zeigt auf einen Butterballen von einem Kilo. Zwischen Hirsch- und Wildschweinsalami, Biokartoffeln, Plattpfirsichen und dem Sortiment aus lokalem Käse fühlt er sich wohl.

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Berufliche Eingliederung für Menschen mit Beeinträchtigungen

Giuseppe kam aus seiner Heimat Kalabrien als gelernter Schmied in die Schweiz. Wegen einer Diskushernie und einer darauf folgenden Depression kam er vor mehr als 20 Jahren als Klient zur Stiftung Diamante. Die Stiftung Diamante ist seit 1978 im Tessin tätig und betreibt dreizehn Werkstätten, vier Wohneinheiten (Heime und geschützte Wohnungen) sowie sechs Läden und führt fünf Beschäftigungsangebote zur Eingliederung in den Arbeitsprozess. In den eigenen Werkstätten und im Rahmen von zahlreichen Programmen bietet sie Personen mit Beeinträchtigungen echte Entwicklungs- und berufliche Eingliederungschancen. Eines davon ist die Buttega de la Val von Pianezzo. Hier erhalten Menschen mit Beeinträchtigungen die Gelegenheit, in einem ungeschützten Rahmen zu arbeiten. «Die Arbeit hier gefällt mir, ich unterhalte mich gerne mit den Kunden. Und auch sie kommen gerne hierher», erzählt Giuseppe.

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Die Butega de la Val ist eine Institution für Pianezzo und für die ganze Valle Morobbia: Seit jeher sind der Lebensmittelladen und die Postfiliale die Orte, wo man sich trifft und zusammenkommt. «Der Laden ist ein kleines, ins Dorfleben integriertes Unternehmen. Er bietet somit ein 'standardisiertes' Arbeitsumfeld und erfüllt eine wichtige soziale Funktion für die Kundschaft und die Klienten der Stiftung. Die Kunden kommen zum Einkaufen und nicht wegen der Stiftung Diamente», erläutert Tiziano Conconi, der die Butega leitet. Im Jahr 2012 übernahm die Stiftung den Laden, der schon damals eine Postagentur betrieb. «Unbestritten hat es einen ganz besonderen Stellenwert für unsere Klientinnen und Klienten, für ein grosses Unternehmen wie die Post zu arbeiten.»

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Unter den wachsamen Augen von Fausto

Fausto überwacht die verschiedenen Tätigkeiten. Der ehemalige Pöstler arbeitet als Sozialarbeiter für die Stiftung Diamante und berät Kundinnen und Kunden bei Fragen zu Postgeschäften. «Die Postdienstleistungen werden sehr rege genutzt, denn wir sind die einzigen im Tal, die sie anbieten. Sie bringen uns Kunden, die Pakete oder eingeschriebene Briefe versenden oder Fristpakete abholen», erklärt er.

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Kaum war der Satz ausgesprochen, betritt eine Frau in einem gelben Leinenkleid und makellosem Lippenstift den Laden, um mit der Unterstützung von Fausto ihre Zahlungen vorzunehmen. «Die Kundinnen und Kunden vertrauen uns, sie bitten um Hilfe, und insbesondere ältere Personen lassen sich gerne beispielsweise bei den Zahlungen helfen.» «Und die Postgeschäfte sind im Nu erledigt», beteuert Serena di Lôro, «anstatt nach Giubiasco hinunterzufahren und dort am Schalter Schlange zu stehen, komme ich drei- bis viermal im Monat hierher und hole die Pakete mit Kleidern für mich und meine zwei Kinder ab.»

In der Butega stehe vielfältige Aufgaben an: Kassen- und Schalterdienst, Lagerbewirtschaftung, Bestellwesen, Kontakte mit Lieferanten, Bewirtschaftung der Fristpakete, Zahlungen, Hygiene und Reinigungsarbeiten. Am meisten Respekt flösst den Mitarbeitenden der Dienst an der Kasse ein. So versucht auch Cristina diese Aufgabe möglichst zu vermeiden: «An der Kasse fühle ich mich nicht wohl. Ich habe immer Angst davor nicht zu wissen, wie ich helfen kann, wenn die Kunden etwas fragen.» Und dennoch: Jemand muss es machen! Heute ist ihre Namensvetterin an der Reihe: «Fünfzehn Franken siebzig», sagt sie im örtlichen Dialekt, während sie die Einkäufe der Kundin in eine Tasche packt.

Brötchen mit Cornichons

Wer meint, man könne hier Däumchen drehen oder herumstehen, hat sich geirrt: Ständig gehen Einwohnerinnen und Einwohner von Pianezzo, aber auch Gärtner und Handwerker, die auf den Baustellen der Einfamilienhäuser im Tal arbeiten, ein und aus. Kaum hat der schüchterne Behar die Fleischschneidmaschine gereinigt, wird schon das nächste Brötchen bestellt. Luca, der eine Gärtnerei besitzt, insistiert: «Ich will mein Sandwich unbedingt mit Cornichons!»

Copyright: Robin Bervini

verfasst von

Claudia Iraoui

Channel Manager Digital