Innovation & Technologie

Wo spüren Sie digitale Ermüdung?

Oliver Egger, Chief Marketing Officer von PostMail, über die Grenzen des Digitalen und den Wert des Haptischen.

Fabian Zürcher

Oliver Egger, Leiter Marketing und Mitglied der Geschäftsleitung bei PostMail.
Oliver Egger (42) leitet seit Februar 2017 die Marketingabteilung des Geschäftsbereichs PostMail bei der Schweizerischen Post. Er ist Doktor der Psychologie und beschäftigt sich stark mit dem Thema Customer Experience und mit physisch-digitalen Cross-Channel Solutions. Copyright: Adrian Moser
Herr Egger, Sie sind als Marketing-Chef von PostMail für die Briefe verantwortlich. Sind Sie ein Dinosaurier?

Ganz im Gegenteil. Gerade weil die Briefmenge jährlich um 4 bis 5 % sinkt, arbeiten wir intensiv an dessen Weiterentwicklung, in den letzten Jahren natürlich mit Fokus auf die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet. Wir geben unseren Kunden die Wahl zwischen On- und Offline-Versand, mit dem Ziel, die Empfänger optimal mit der Nachricht zu erreichen. Denn nur weil die Briefmenge jedes Jahr sinkt, heisst das nicht, dass alle Leute nur noch elektronische Post möchten – ich glaube nicht, dass der physische Brief je ganz aussterben wird. Drum Nein, ich bin kein Dinosaurier.

Warum soll ich überhaupt noch Briefe schreiben?  Chatten ist doch viel bequemer und billiger.

Sicher, chatten ist billiger und schneller. Das ist aber auch gerade der Punkt: Man investiert weniger Zeit und alles ist auf Geschwindigkeit ausgelegt. Wer freut sich schon nicht über einen Geburtstagsgruss per Brief oder Karte, wo man weiss, dass sich der Absender die entsprechende Zeit dafür genommen hat? Der Brief wird damit zu einem wertvollen Produkt.

Wann haben Sie Ihren letzten Brief geschrieben?

Ich bin ein Fan von Feriengrüssen per Postkarte. So auch diesen Sommer. Handgeschriebene Briefe sind bei mir eher seltener. Hin und wieder greife ich aber sehr gerne zu Stift zu Papier.

Wo hat die Post beim Briefgeschäft den Schritt hin zur Digitalisierung gemacht?

Wir schauen dem Briefmengenrückgang nicht tatenlos zu. Vielmehr ergänzen wir unser Angebot laufend mit digitalen Dienstleistungen. So können unsere Kundinnen und Kunden zum Beispiel ihre Sendungen online steuern, eine Empfangsbestätigung online quittieren oder Mailings und Karten online gestalten. Wir übernehmen dann Druck und Versand. 

Wo stösst das Digitale an Grenzen?

Digital bewirkt eine optische und akustische Aktivierung. Das Haptische aber aktiviert noch ganz andere  Sinneswahrnehmungen wie zum Beispiel auch Gerüche oder ein angenehmes Gefühl, weil ein spezielles Material verwendet wurde. Nehmen wir gedruckte Dinge in die Hand, befassen wir uns viel bewusster damit und nehmen die Inhalte auch entsprechend anders auf.Wir können es nicht einfach wegklicken. Mir persönlich fällt immer mehr auf, dass ich digitale Inhalte wie Display Ads oft einfach ungesehen wegklicke. Die Flut ist einfach zu gross.

Sie sprechen digitale Ermüdung an. Spüren Sie diese Tendenz auch bei der Post?

Ja, definitiv. Digital kann vieles, aber eben nicht alles. Millionen Klicks bedeuten noch lange nicht Millionen Umsätze. Das höre ich immer wieder von Geschäftskunden. Es geht wieder vermehrt um die Qualität der Kontakte. Dabei sind Online-Kontakte zwar unverzichtbar, klassische Kanäle aber wertiger. Lieber ein hochwertiges Mailing versenden, als Millionen Kontakte auf Kunden feuern, welche nicht beachtet werden.

Zum Beispiel?

Ein Mailing im Briefkasten drehe ich zum Beispiel eher einmal um und schaue die Rückseite noch kurz an. Ich befasse mich also schlussendlich länger mit einem physischen Produkt. Und: Wir stellen heute pro Tag noch knapp 1,5 Brief- und Kleinwarensendungen pro Haushalt zu. Da fällt ein Mailing noch viel stärker ins Gewicht, da es nicht in der digitalen Masse untergeht.

Digital kann vieles, aber eben nicht alles.

verfasst von

Fabian Zürcher