Zurück in die Zukunft

Niemand weiss, wie die Welt in fünf oder zehn Jahren aussehen wird. Entscheidungen, welche Ideen wir weiterverfolgen, in welche Geschäftsmodelle wir investieren und wie wir unser Team einsetzen, fussen deshalb alle auf Unsicherheit.

Janick Mischler
Blog

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Das Problem mit Vorhersagen

Die Vergangenheit zeigt: Meistens kommt es anders, als man denkt. In den 1970er Jahren etwa prophezeite der «Club of Rome» das grosse Waldsterben. Es ist nicht eingetreten. Im Zuge des Apollo-Programms und der ersten Mondlandung herrschte ein Raumfahrt-Enthusiasmus. Raumstationen auf dem Mond und Reisen zum Mars galten nur als eine Frage der Zeit. Zukunftsvisionen aus den 1930er Jahren zeigen Schüler, die mit Bücher «gefüttert» werden und sich das Lernen sparen oder denen das Wissen sogar über Nacht «eingeimpft» wird.

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Alle diese Visionen spekulierten darüber, wie die Welt in Zukunft aussehen könnte. Aber erst, wenn diese da ist, wissen wir, welche Szenarien sich bewahrheiten und in welcher Form. So haben wir auch heute noch keine Schnittstelle zum Gehirn, um das Lernen zu ersparen. Aber wir haben mit dem Internet unmittelbar Zugriff auf einen unglaublichen Wissensschatz. Mit der Online-Enzyklopädie «Wikipedia» haben wir die Vision des Schulzimmers auf eine gewisse Weise tatsächlich umgesetzt und Auswendiglernen mindestens zum Teil überflüssig gemacht. Die Post stellt Sendungen auch weiterhin per Fussweg zu. Für dringende medizinische Sendungen testet sie mit der Transportdrohne aber den Lufttransport.

Legendäre Fehlentscheide

Wie aber wissen wir, welche Geschäftsideen Potential haben? Die Antwort hierzu ist einfach: Wir wissen es überhaupt nicht und können nur versuchen, Indizien zu gewinnen. Etwa indem wir Befragungen durchführen, Trends analysieren oder die technische Entwicklung aufmerksam verfolgen. Gerade die grossen Disruptionen sind mit «gesundem Menschenverstand» oft schwer – um nicht zu sagen kaum – vorherzusagen. Deshalb ist die Liste der fatalen Fehlentscheide auch lang. Yahoo etwa hätte Google mehrfach kaufen können, war aber nicht bereit, anno 2002 $5 Mrd. zu bezahlen (Googles heutiger Börsenwert beträgt über $700 Mrd.). Ebenfalls Yahoo hat 2008 ein Übernahmeangebot von Microsoft von mehr als $47 Mrd. ausgeschlagen und ist heute nur noch einen Bruchteil davon wert. Ein weiteres Beispiel ist Kodak, das in den 1970er Jahren die erste Digitalkamera entwickelte, das rentable Geschäft mit analogen Filmrollen damit aber nicht kannibalisieren wollte und 2011 Pleite ging. Oder der Computer-Pionier IBM, der sein Betriebssystem fast nichts an Bill Gates verkaufte und damit Microsoft zu einem der wertvollsten Unternehmen werden liess.

Die Zukunft testen

Persönlich hätte ich nie gedacht, dass sich Uber derart lange im Markt halten kann, sich das Smartphone dermassen schnell durchsetzt oder aus einer einst kleinen Suchmaschine einer der grössten Weltkonzerne hervorgeht. Auch habe ich schon öfters an meinen eigenen Innovationsprojekten gezweifelt. Etwa im März 2015, als wir das Lieferdrohnenprojekt der Post gestartet haben. Drohnen? Wieso sollte jemand etwas über den Luftweg transportieren? Wer wäre schon bereit, dafür zu bezahlen? Würde es technisch jemals zuverlässig funktionieren? Was tun, wenn das Wetter schlecht ist und die Drohne nicht fliegen kann? Dann erst die rechtliche Situation, die weder Drohnen noch andere autonome Fahrzeuge überhaupt kennt. Ein Ding der Unmöglichkeit. Nichtsdestotrotz haben wir mit viel Beharrlichkeit das Drohnenprojekt der Post vorwärtsgetrieben und die vielen Hindernisse und Herausforderungen allmählich lösen können. Im März 2017 haben wir die weltweit erste urbane Lieferdrohne in Betrieb genommen, seit Oktober 2017 betreiben wir in Lugano den ersten kommerziellen Lieferdrohnenservice. Ob Drohnen sich als ergänzendes Logistikmittel durchsetzen werden, wissen wir natürlich nicht. Wir wollen aber die Zukunft «mitentwickeln», in dem wir Dinge ausprobieren, lernen, und das, was funktioniert, weiterführen und anderes stoppen.

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Erfolgschance 1:17'000

Ein Fachartikel der Harvard Business Review vom März 2019 befand, dass die Wahrscheinlichkeit ein Start-Up mit einem künftigen Umsatz von min. $500 Mio. aufzubauen, 1:17'000 beträgt. Wir müssten also 17'000 Ideen ernsthaft umsetzen und vorwärtstreiben, um eine wirklich gute Idee zu finden. Etwas besser sieht das Verhältnis bei Investoren aus: Im Silicon Valley etwa kursiert die Faustregel, dass neun von zehn Investments scheitern. Das zehnte Investment ist aber so erfolgreich, dass unter dem Strich ein Profit resultiert. Erfahrung, Branchenkenntnisse und Offenheit gegenüber den Visionen eines Unternehmens können sicherlich helfen, die Quote zu verbessern.

Auch bei der Post fällen wir täglich Entscheide. Zumindest in unseren Innovationsteams geht’s nicht um dreistellige Millionenbeträge, aber darum, wie die Post ihre Services zukünftig erbringt. Niemand weiss, wo die Reise genau hinführt und wie die Logistik in zehn Jahren aussieht. Deshalb testen wir frühzeitig innovative und zukunftsorientierte Lösungen. Diese mögen zwar heute viele belächeln, aber wer weiss, ob nicht doch in einigen Jahren etwa Medikamente oder Essen ganz selbstverständlich mit einem selbstfahrenden, ökologischen, kleinen Lieferroboter ausgeliefert werden.

Bildquellen:

Fliegende Postboten: https://www.levif.be/actualite/international/en-1900-voici-comment-on-imaginait-l-an-2000/diaporama-normal-561915.html?cookie_check=1557309912

Schulkinder: https://publicdomainreview.org/collections/france-in-the-year-2000-1899-1910/

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verfasst von

Janick Mischler

Leiter Autonomous Delivery & IoT