Auf den Pfaden der Säumer

23 Kilometer, 1200 Höhenmeter, 2 Liter Schweiss, teuflische Brücken und ein wunderbares Alpenmassiv – das ist die Wanderung auf den berühmtesten Pass der Schweiz.

Claudia Langenegger
Blog

Rauf auf den Gotthard. Ich will ein Stück Geschichte im langsamen Modus erfahren. Wie einst die Säumer, nur mit weniger Gepäck und ohne Maulesel. Mit dem Bau der Teufelsbrücke um 1220 wurde der Saumpfad begehbar gemacht. Mitte 17. Jahrhundert rollte dann die erste Postkutsche über die Gotthardstrasse.

Aller Anfang ist laut

Mein Ausgangspunkt ist das legendäre «Chileli vo Wasse», einem Stück Schweizer Kulturgut: Man sieht es beim Vorbeifahren mit dem Regionalzug wegen der Kehrtunnel ganze drei Mal. Berühmt gemacht hat es Emil Steinberger in seinem berühmten Sketch, auch Lo & Leduc haben es besungen.

Der Start ist laut, heiss und teerig. Rechts von mir brausen Autos und Töffs vorbei, links blicke ich auf die zweispurige Autobahn. Aber bald zweigt der Weg an einen lauschigen Bach ab und führt weiter über knallgrüne Wiesen und schmal durch einen Wald.

«S Chileli vo Wasse» auf gut 900 m ü.M. im Urner Reusstal

Erfrischender Fluss

In Göschenen verschwindet die Autobahn im Fels, das lauteste Geräusch ist nun die wilde Reuss, die mit ihrem Eiswasser zwischen den Feldbrocken heruntersprudelt. Ich überquere das rauschende Wasser in der brennenden Mittagshitze. Am liebsten möchte ich reinspringen, doch Badespass liegt keiner drin: Ich habe noch 1000 Höhenmeter und 18 Kilometer vor mir.

Die Reuss sprudelt wild und frisch den Berg hinab.

Die Brücken des Teufels

Das Tal wird enger und die Felswände rücken auf beiden Seiten näher, es geht steil in Schlangenlinie den Berg hinauf, ich bin in der Schöllenenschlucht! Der Weg führt um einen Felsvorsprung – und schon stehe ich auf der Teufelsbrücke.

Laut Legende baute der Teufel die erste Teufelsbrücke, nachdem die Urner wieder und wieder daran gescheitert waren. Die ursprüngliche Brücke gibt es nicht mehr, heute führt die zweite, 1830 erbaute Teufelsbrücke über die tosende Reuss.

Die Teufelsbrücken in der Schöllenenschlucht

Das Grün ist in Andermatt das Green für die Golfer
Golfplatz in Andermatt

Urchige Bergwelt trifft auf internationale High Society

Über eine kurze Wendeltreppe gelange ich auf die Ebene von Andermatt. Weites, flaches Grün eröffnet sich vor mir. Und was sehe ich da? Es wird Golf gespielt! Ich schaue den weissgekleideten Touristen zu, wie sie ihre Bälle quer übers Green schlagen, ihre Käppis zurechtrücken, sich auf dem Golfkart über das Green kutschieren lassen und die behandschuhten Caddies Golftrolleys hinter sich herziehen.

Wanderweg Gotthardpass
Der Aufstieg ins Gotthardmassiv ist wunderschön

Ins Massiv

Im herzigen Hospental gibt’s den letzten Talstopp: In einem Café mit italienischsprechenden Hipsters an der Bar wird Apfelschorle getrunken, das Handy aufgeladen und die Wasserflasche gefüllt.

Nun geht’s rauf ins Gotthardmassiv. Der Pfad windet sich den Berg hinauf, durchs lauschige Grün, links sprudelt die Gotthardreuss, rechts kurven die Autos über die Strasse.

Blumiges Gebirge

Bald wandere ich über den Blumenhüttenboden, die Alpenluft angenehm kühl, die Blumen wiegen ihre Blüten im Wind, irgendwoher pfeift ein Murmeltier, Kühe grasen. Ich bin ab vom Schuss, mitten im Berg.

Blick das Tal hinab auf den Blumenhüttenboden

Hoch oben im Tessin

In leichtem Anstieg geht’s gemütlich rauf, der Pfad unter meinen Füssen ist zeitweise mit Natursteinen gepflästert – die Spuren einer alten Strasse.

Und nach sechs Stunden Marsch bin ich im Tessin: Che bello!

Zu Fuss ins Tessin: Der Grenzstein auf der Gotthardpassroute auf gut 1900 m ü. M.

Auf dem Gotthardpass
Geschafft! Auf dem Gotthardpass angekommen. Rechts das Hospiz.

Luftige Höhen

Die drei Stunden und 600 Höhenmeter im Gotthardmassiv sind ein Highlight, es ist nicht steil, führt über sanft ansteigende Bergwiesen, in welchen das Gestein stets grösser und wuchtiger wird – bis ich auf der Passhöhe auf flachen Felsen stehe. Hier pfeift mir der Wind um die Ohren, das Wasser der Bergseen kräuselt sich, Wolken umschmiegen die Gipfel. Da drüben ist das Hospiz, ich habs geschafft!

Airolo – Göschenen

Am nächsten Morgen wandere ich im warmen Vormittagssonne im Zickzack neben Tremola, der 1830 erstellten Serpentine aus Pflastersteinen, den Berg hinab. Velofahrer kriechen hinauf, Töfffahrer legen sich langsam in die Kurven und bald entschwinde ich dem hochalpinen Zauber und bin in Airolo. Mit dem Regionalzug geht’s zurück in die Deutschschweiz. Ich fahre durch den Berg und umkreise in Wassen das Chileli drei Mal! Was für ein krönender Abschluss meiner Reise.

Die legendäre Passstrasse «La Tremola» wurde vor fast 200 Jahren aus Pflastersteinen gebaut.

Die Kirche von Wassen vom Zug aus gesehen
Die Kirche von Wassen vom Zug aus gesehen

Fotos: Copyright Claudia Langenegger 

verfasst von

Claudia Langenegger

Redaktorin