Corona, Hintergründe

«Kunden reagieren sehr schnell auf Veränderungen»

Die Corona-Krise beeinflusst zwar das prognostizierte Wachstum im ÖV und verändert auch das Mobilitätsverhalten. Martina Müggler, Leiterin Strategie und Innovation bei PostAuto, spricht über sinkende Passagierzahlen, verändertes Mobilitätsverhalten und Fahrdienste der Zukunft.

Ben Küchler

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Bei einer Postmitarbeiter-Umfrage im September haben 61 Prozent angegeben, dass sie seit Corona weniger ÖV fahren. Entspricht dies dem allgemeinen Trend?

Ja. Wegen Corona pendeln die Leute aktuell weniger, und viele Gespräche und Anlässe finden digital statt. Ausserdem sehen wir aus einer Mobilitätsstatistik der ETH, dass einige Leute auf ihr Privatauto umgestiegen sind. Die Nachfrage beim ÖV ist also effektiv zurückgegangen, das Jahr 2020 ist eine Zäsur. Während dem Lockdown haben wir in den Postautos zum Teil nur noch 10 Prozent der üblichen Fahrgäste befördert. Im Sommer und Frühherbst waren es im Schnitt wieder 80 Prozent. Doch seit Beginn der zweiten Welle sinken die Zahlen wieder. Wir haben gesehen, dass unsere Kunden sehr schnell auf Veränderungen reagieren und ihr Verhalten anpassen können. Deshalb sind wir jetzt gefordert, das ÖV-Angebot bedürfnisorientiert weiterzuentwickeln.

Was heisst das? Wohin geht die strategische Reise?

Weltweit und auch in der Schweiz wird bis 2030 eine Zunahme an Verkehrsleistungen erwartet. Der ÖV wird im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr überdurchschnittlich stark wachsen. Die Corona-Krise beeinflusst zwar das prognostizierte Wachstum und verändert auch das Mobilitätsverhalten. Dennoch kann man davon ausgehen, dass die Nachfrage langfristig zunimmt und Mobilität ein Wachstumsmarkt bleibt. Damit wir von diesem Wachstum profitieren können, müssen wir aber bereit sein, uns weiterzuentwickeln und die drei Trends Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Sharing Mobility noch stärker in unsere Angebote einfliessen lassen. Ein gutes Beispiel, das diese Elemente schon heute vereint, ist das neue London Taxi von PostAuto: Es wird elektrisch betrieben, lässt sich ganz einfach über die PubliCar-App buchen, und dank dem Pooling-System können verschiedene Fahrgäste, die in die gleiche Richtung fahren möchten, gleichzeitig fahren.

Das Fahren von A nach B auf festen Linien mit Fahrplänen bleibt das Kerngeschäft von PostAuto. Gibt es dort Verbesserungspotenzial?

Dass der Linienverkehr unser Kerngeschäft bleibt, ist unbestritten. Doch wir müssen auch diesen «klassischen» ÖV den neuen Gegebenheiten anpassen. Ein wichtiges Thema ist hier die Nachhaltigkeit. Einerseits müssen wir uns überlegen, wie wir einzelne Kurse besser auslasten können: viele Postautos sind zu den Stosszeiten voll, zu den Randzeiten aber nur wenig ausgelastet. Andererseits müssen wir vermehrt auf alternative Antriebstechnologien setzen, um unsere Emissionen auch direkt zu reduzieren. Auch in Sachen Digitalisierung haben wir noch Luft nach oben. Mit neuen digitalen Lösungen können wir den Ticketverkauf modernisieren und mit neuen Abos und Angeboten das Kundenerlebnis verbessern.

Wird es denn irgendwann keine festen Fahrpläne und Linien mehr geben?

Feste Fahrpläne wird es gerade in dicht besiedelten Gebieten noch lange geben. Aber in schlecht erschlossenen Gebieten sind flexiblere ÖV-Lösungen sicher sinnvoll. PostAuto stellt seit jeher sicher, dass auch entlegene Täler und Berggebiete an das Schweizer ÖV-Netz angebunden sind, und will dies aus Überzeugung für den Service public auch weiterhin tun. Aber wir müssen smarter werden und uns fragen, ob ein fixer Taktfahrplan immer die beste Lösung ist. Wenn wir in solchen Gebieten flexible On-demand-Angebote – also öV auf Abruf – anbieten können, erhalten unsere Besteller eine erstklassige und moderne Lösung und verhindern zugleich, dass schlecht ausgelastete Postautos im Stundentakt durch ihr Gebiet fahren. In Zukunft wird es einen Mix aus Linienbetrieb und On-demand-Services geben. In den Städten wird auf der ersten und letzten Meile auch unser Bikesharingangebot PubliBike weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Innovationen sind bei PostAuto seit der Gründung im Jahr 1906 eine Selbstverständlichkeit. Doch wie lassen sich solch aufwändige ÖV-Projekte überhaupt finanzieren?

Innovation ist in unserer DNA und für unser Unternehmen überlebenswichtig. Ein Beispiel ist der Wandel von der Postkutsche hin zum motorisierten Postauto. Dieser Schritt wurde damals belächelt und war alles andere als einfach. Heute wissen wir, dass er essenziell war. Seitdem waren wir immer innovativ unterwegs – seien es die ersten Pässefahrten, die Einführung von Onlinefahrplänen, Gratis-WiFi, intelligente Apps, autonome Shuttles oder Tür-zu-Tür-Angebote mit Pooling. Diese wichtigen Weiterentwicklungen für den Schweizer ÖV müssen natürlich finanziert werden. Hier sind wir weiterhin auf Partner und die Besteller angewiesen. Gleichzeitig muss die Politik den Stellenwert dieser Entwicklungen erkennen, regulatorische Hürden abbauen und Innovationen unterstützen. Nur so können wir weiterhin ein wichtiger Innovationstreiber für die Mobilität in der Schweiz bleiben.

verfasst von

Ben Küchler