Menschen

Madagaskar, die reiche Insel der Armen

Vor zehn Jahren lernten sich Vérène Décaillet und Thierry Flückiger bei der Post kennen. Eine Reise führte sie statt ins Disneyland in Florida nach Madagaskar. Dort gründeten sie das Hilfswerk Madagascoeur.

Magalie Terre

Anfangs kannten sich Thierry und Vérène nur am Telefon und Thierry stellte sich eine ganz andere Person vor. Bis sie sich vor zehn Jahren an einer Sitzung zum ersten Mal trafen. Der Funke sprang sofort über. Heute leben sie als glückliche Patchworkfamilie in Romanel sur Lausanne. Vérène hat eine Tochter und Thierry drei Jungs. Zwei davon leben in Holland. Ferien sind für die Familie wichtig. Dann nämlich sind sie alle vereint. 2016 wollten sie gemeinsam nach Florida fliegen. Doch das Chaos nahm rasch seinen Lauf. Die Kinder forderten immer mehr: einen Aufenthalt in verschiedenen Freizeitpärken, Ferien am Meer und schöne Hotels mit Wifi. Das Budget drohte zu platzen. Da zog Thierry die Reissleine: «So geht das nicht. Wir wollen immer mehr und sind kaum noch zufrieden zu stellen. Wir verzichten auf die Ferien in Florida und fliegen stattdessen nach Madagaskar» Dies schien für Thierry und Vérène der ideale Ort, um Strandferien mit einer gemeinnützigen Reise zu verbinden. Sie wollten den Kindern damit zeigen, dass in der Welt nicht jeder das Glück hat, alles zu haben. Ausserdem waren die Flugtickets erschwinglich, die Zeitumstellung von zwei Stunden verkraftbar und die Landessprache Französisch.

Die grüne Hölle

Madagaskar, die Trauminsel im pazifischen Ozean mit der unglaublich vielfältigen Natur. In der Luft hängt der süsse Duft von Vanille und das türkisblaue Meer lädt zum Baden ein. Doch sie hat auch eine Kehrseite. Die Bevölkerung der Insel ist eine der ärmsten der Welt. Die Gesundheitsversorgung ist katastrophal. Mehr als die Hälfte der Kinder sind mangelernährt, nur etwa ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zum Trinkwasser. «Ich war schockiert von der Armut der Menschen und gleichzeitig tief berührt von ihrer Liebenswürdigkeit», sagt Thierry. Ihre Reise führte bewusst auch in ein benachteiligtes Dorf. Ohne zu zögern stellten die Dorfbewohner der Familie ihr schönstes Haus - das einzige aus Beton – zur Verfügung. Die anderen Häuser sind einfache Holz- und Strohdachkonstruktionen. Keiner hat hier fliessendes Wasser. Die nächste Wasserstelle befindet sich 45 Minuten Fussmarsch entfernt. Vérène und Thierry brachten den Menschen dort Kleider, Schokolade und Sugus, die sie mitsamt dem Papier essen wollten. Tief berührt von den vielen Eindrücken und mit der festen Absicht, etwas gegen dieses Elend zu unternehmen, verliessen die beiden die Insel. Zurück in der Schweiz gründeten Vérène und Thierry gemeinsam mit Peggy, der Schwester von Vérène, und Coco, einem madagassischen Touristenführer, das Hilfswerk Madagascoeur.

Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen umkreist eine Wasserstelle, die gerade gebaut wird.
Madagascoeur errichtet in den abgeschiedenen Dörfern Wasserstellen.

Ein Herz für Madagaskar

«Wir möchten nicht das Leben der Menschen in Madagaskar verändern, sondern ihnen unter die Arme greifen und etwas Glück in ihr Leben bringen», sagt Thierry. Von Anfang an war es ihr Ziel, ein Hilfswerk im kleinen Rahmen zu gründen, damit sie den Überblick behalten und wissen, wo das Geld hinfliesst. Um die finanziellen Mittel aufzutreiben, verkaufen Thierry, Vérène und Peggy seit der Gründung von Madagascoeur auf dem Wochenmarkt in Lausanne und Martigny selbstgebackenes Brot und madagassische Spezialitäten wie Gewürze, Vanille und Fleur de Sel. Familie, Bekannte und Freunde helfen tatkräftig mit. Seit letztem Jahr produziert ein berühmter Chocolatier eigens für Madagascoeur angefertigte Schokoladenherzen. Der Erlös geht direkt ans Hilfswerk.

Trinkwasser, Fussbälle und Hühner

Bis heute haben Vérène und Thierry um die 60’000 Franken für Madagascoeur gesammelt. «Wir tun dies auf freiwilliger Basis, ohne Lohn. Mehr als 95% der gesammelten Gelder fließen direkt in die verschiedenen Projekte für Madagaskar. Die Betriebskosten werden auf einem niedrigen Niveau gehalten», so Thierry. Mit dem Geld finanziert das Hilfswerk die Errichtung von Trinkwasserstellen in abgelegenen Dörfern oder verteilt den ärmsten Familien lebende Hühner. Ein weiteres wichtiges Projekt von Madagascoeur ist die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Schaffung nachhaltiger menschlicher Lebensräume. Zum Beispiel durch eine ökologische Landwirtschaft.

Kinder posieren mit neuen Fussbällen neben Thierry Flückiger.
Kinder im Fussballfieber. Mit echten Fussbällen spielen macht doppelt Spass.

verfasst von

Magalie Terre

Redaktorin