Hintergründe

Steile Wege, enge Kurven und Allradantrieb

Seit August 2020 wird die Post in der autofreien Gemeinde Braunwald GL mit einem Elektro-Quad zugestellt. Wir haben Zustellerin Dania Bertsch einen Tag lang auf ihrer speziellen Zustelltour begleitet.

Fabio Stüssi

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Junge Frau am Sortiergestell zeigt eine Zeitung.
Dania Bertsch bereitet in der Zustellstelle in Schwanden GL die Briefsendungen für die Einwohner von Braunwald. © Fridolin Walcher / LUNAX

Draussen ist es noch dunkel, als wir Dania Bertsch in der Zustellstelle in Schwanden GL treffen. Um 5.45 Uhr ist Arbeitsbeginn am Sortiergestell und sie bereitet die Briefsendungen für die gut 300 Einwohnerinnen und Einwohner, das Gewerbe und die etliche Ferienhäuser in Braunwald vor. Die Pakete, die Dania mit auf ihre Zustelltour nehmen wird, werden währenddessen schon von ihren Kollegen einen Stock tiefer in einem Gitterwagen bereitgestellt.

Um 7.20 Uhr ist alles für die heutige Tour bereit. Dania fährt einen VW Caddy in die Garage und beginnt sofort ihn zu beladen. Die Menge ist heute mit etwa 20 Paketen und drei Kisten Briefpost und Zeitungen überschaubar. An Spitzentagen kam es aber schon mal vor, dass der Kleintransporter zu klein war und nicht alles hineinpasste. «Es gab Tage, da hatten wir alleine über 40 LeShop-Bestellungen. Da mussten Nachtransporte organisiert werden». Heute bleibt das aus, und Dania ist nach etwa 10 Minuten abfahrbereit.

Raus aus der Garage, rauf auf die Strasse und Richtung Linthal. Die Fahrt über die Hauptstrasse vorbei an der Bergkulisse, die das Tal umgibt, dauert gut 20 Minuten und endet bei der Talstation der Braunwaldbahn, wo das Auto bereits wieder entladen und die Postsendungen in Transportbehälter der Braunwaldbahn umgeladen werden.

Weiter mit der Standseilbahn

Während Dania ihr Zustellfahrzeug parkiert, beladen die «Bähnler» das unterste Abteil der Standseilbahn. Nebst der Post und natürlich den Passagieren, werden auch tonnenschwere Milchkanister, Baumaterial, das Gepäck der Hotelgäste und alle sonstigen Lieferungen auf dem Schienenweg in die Berggemeinde befördert.

Junge Frau wartet auf die Abfahrt der Standseilbahn nach Braunwald.
© Fridolin Walcher / LUNAX

Da keine befestige Strasse nach Braunwald führt, ist die Bergbahn der einzige Zubringer in die Gemeinde, die auf 1265 m.ü.M liegt. Alle 30 Minuten fährt eine Bahn. So viel Zeit bleibt zum Be- und Entladen. «Spätestens die Bahn um 8.25 Uhr muss ich immer erwischen, sonst kann ich die Express-Sendungen nicht pünktlich zustellen», sagt Dania. Bis 9 Uhr müssen diese jeden Morgen bei ihren Empfängern sein. Pünktlich setzt sich die Bahn in Bewegung und erreicht nach gut sechs Minuten die Bergstation, wo alles wieder ausgeladen und in der alten Poststelle deponiert wird.

Junge Frau lädt das E-Quad mit Sendungen.

Angekommen in der autofreien Berggemeinde

Dania eilt zu einem schlichten Stahlcontainer, der wenige Meter von der alten Poststelle entfernt liegt. Darin steht ihr Zustellfahrzeug, dass sie sofort einsatzbereit macht: Der neue Elektro-Quad, der seit August 2020 in Braunwald in Betrieb ist. Das in der Schweiz einmalige Zustellfahrzeug hat den in die Jahre gekommenen Geländekleintransporter mit Dieselantrieb ersetzt.

Ausblick über Braunwald

Normale Autos sucht man in Braunwald vergebens. Die Gemeinde ist komplett autofrei und setzt, wenn möglich, auf Elektromobilität. Zum Personen- und Warentransport dienen kleine Gelände- und Elektrofahrzeuge. Auch Pferdekutschen sind auf der Strasse zu sehen, die aber eher einem touristischen Zweck dienen. Wieder umladen: Raus aus den Transportbehältern und rauf auf die mit Plexiglas verschalte Ladefläche des kompakten Elektro-Transporters.

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Auf Zustelltour mit Allradantrieb und Elektromotor

Drei Stunden nach Arbeitsbeginn, kann Dania ihre eigentliche Zustelltour starten. «Als erstes muss ich die Express-Sendungen verteilen. Heute sind es nur zwei, und die Adressen sind nicht weit entfernt». Mit 19 km/h geht die Tour los. Schon nach wenigen Metern wird klar, warum die Post hier auf ein kleines und wendiges Fahrzeug mit Allradantrieb setzt: Braunwald verfügt zwar über ein kleines Strassennetz, viele Streckenabschnitte sind aber schmale Wege und unbefestigte Feldwege mit teils engen Kurven und starken Steigungen.

«Es gibt eine Strecke, die fahre ich sehr ungern, weil die Wege so schmal sind und es links oder rechts neben der Strasse richtig steil runtergeht.» Obwohl Braunwald nur gut 300 Einwohner hat, erstreckt sich die Streusiedlung über gut 10 Quadratkilometer an extremer Hanglage. Die Tour führ vorbei an Hotels, Ferienhäusern, modern anmutenden Neubauten, alten Holz- und Bauernhäusern.

Blick über Bergstrasse mit Elektro-Quad
© Fridolin Walcher / LUNAX
Junge Frau stellt einem Einwohner Einkäufe zu.
© Fridolin Walcher / LUNAX

Enger Bezug zur Bevölkerung

Von vielen Braunwaldnern wird Dania schon sehnsüchtig erwartet. Die Post ist hier nicht nur die Post, sondern auch rollender Lebensmittelladen, Bank und ein Stück weit Schnittstelle zur Aussenwelt. Man kennt Dania hier, fast jeder grüsst sie mit Namen. Sie tut es ebenso. Dania ist eine von drei Zustellerinnen und Zustellern, welche in Braunwald die Post verteilen und den Hausservice bedienen.

Nach einigen Kilometern auf den schmalen und weitläufigen Strassen und Wegen gönnt sich Dania eine kurze Kaffeepause auf der sonnigen Terrasse eines Bergrestaurants. Immerhin ist sie seit etwa fünf Stunden auf den Beinen. Die Bergkulisse und die Aussicht lassen für einen kurzen Moment etwas Urlaubstimmung und Bergromantik aufkommen. «Das ist die Belohnung für das viele Umladen und die umständliche Anfahrt. Es begeistert mich immer wieder.»

Junge Frau bei einem Briefeinwurf
© Fridolin Walcher / LUNAX

Nach der kurzen Pause fährt Dania zurück zur alten Poststelle, in die schon bald ein Sportartikel-Geschäft einzieht. Sie entlädt die Rücksendungen, die sie auf der Tour mitgenommen hat, belädt den Quad mit den restlichen Postsendungen, die am Morgen keinen Platz hatten, und startet auf die zweite Tour.

Feierabend in Sicht

Nach weiteren Kilometern Strecke über die engen Wege Braunwalds hat Dania es geschafft. Alles ist zugestellt, Retoursendungen abgeholt und die beiden Briefeinwürfe geleert. «Um 13.00 Uhr habe ich normalerweise Feierabend hier oben. Danach bringe ich noch die avisierten Sendungen in die Postfiliale im Volg in Linthal. Und je nach dem gibt es auch Sendungen, die ich in die Poststelle Schwanden bringen muss. Betreibungen zum Beispiel.»

Junge Frau kehrt nach einer Zustellung zum Elektro-Quad zurück.
© Fridolin Walcher / LUNAX

Sobald auch das erledigt ist, kann Dania ihren VW Caddy zurück in die Zustellstelle bringen und den wohlverdienten Feierabend antreten. Bis am nächsten Morgen um 4.45 Uhr der Wecker wieder klingelt.

verfasst von

Fabio Stüssi