Hintergründe

«Alle Billette, bitte!»

Heute waren wir mit zwei Ticketkontrolleuren von PostAuto unterwegs. Wir werden in die Geheimnisse der Billettkontrolle eingeweiht und erfahren, wie intensiv diese Arbeit ist.

Lea Freiburghaus

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Reisenden steigen aus einem Postauto aus.

«Grüezi mitenand, Billette vorweisen bitte!» Wenn ich das höre, zucke ich normalerweise zusammen, um mich aber dann gleich wieder zu entspannen. In den allermeisten Fällen habe ich ein gültiges Billett. Die Male in meinem Leben, in denen dies nicht so war und ich erwischt wurde, kann ich an einer Hand abzählen. Sie sind mir in schlechter Erinnerung geblieben. Deshalb löst nach wie vor jede Ticketkontrolle ein komisches Gefühl in mir aus, egal wie freundlich sie ankündigt wird.

Doch heute ist alles anders: Für zwei Stunden stehe ich in Winterthur auf der Seite der Kontrolleure. Zusammen mit Thomas Schurter und Michele Accaria von PostAuto überprüfe ich, wer rechtens mitfährt und wer schummelt. Die zwei Routiniers gehören dem 16-köpfigen Team des Kontrollstützpunkts Winterthur an, das im Grossraum Winterthur und Frauenfeld die Stadtbusse und Postautos kontrolliert. Ausserdem sind sie für die Kontrolle der Poschis im Kanton Schaffhausen zuständig und helfen auch in benachbarten Stützpunkten aus.

Thomas Schurter steigt in Postauto ein.

Auf Kosten der anderen

Kontrolliert wird im Minimum in Zweiergruppen, von Schichtbeginn um 4.45 Uhr bis zum Betriebsende der jeweiligen Transportunternehmen. «Während der Stosszeiten schliessen sich häufig zwei Zweierteams zusammen», erklärt Thomas, «so kann jeder Kontrolleur einen Sektor im Bus übernehmen.» Aus Erfahrung weiss er: Über den Mittag und im Feierabendverkehr hat es aufgrund der hohen Passagierzahlen auch viele Schwarzfahrer. Am höchsten ist die Schwarzfahrerquote auf den Spätschichten. Die Billettkontrollen und die damit verbundene Einnahmensicherung ist eine der Hauptaufgaben eines jeden Kontrollstützpunkts. Jährlich werden im Schweizer öV um die 800 000 Schwarzfahrerfälle erfasst. Der Wert dieser Tickets entspricht einem zweistelligen Millionenbetrag, der in den Kassen der Transportunternehmen fehlen würde. Beim dritten Mal Schwarzfahren innerhalb zweier Jahre muss der Sünder seit der Einführung des zentralen Schwarzfahrerregisters im April 2019 mit einer Anzeige rechnen.

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Wer ohne Ticket im öV unterwegs ist, verstösst aber nicht nur gegen das Transportgesetz, «sondern verursacht Kosten, die die ehrlichen Fahrgäste zu bezahlen haben», so Thomas. Der 50-Jährige ist ausgebildeter Busfahrer, Tramführer und Kontrolldienstmitarbeiter. Vor gut vier Jahren stiess er zum Winterthurer Team, zuvor war er während fast 20 Dienstjahren bei der Polizei. Als ehemaliger Polizist kennt er sich bestens aus mit den gesetzlichen Grundlagen seiner Arbeit und steht Kolleginnen und Kollegen auch in Sicherheitsfragen mit Rat zur Seite. «Wenn ich einen Bus betrete, verschaffe ich mir immer sofort einen Überblick», sagt Thomas. «Im Augenwinkel achte ich immer darauf, was mein Partner tut, damit ich eingreifen könnte, falls seine Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist.»

Michele Accaria und Thomas Schurter im Gespräch mit einer Frau.
Routiniert handeln Michele Accaria und Thomas Schurter die Software. Schwierig wird es, wenn das System nicht sofort reagiert und weitere Fahrgäste kontrolliert werden sollten. Copyright: Lena Schläppi

Im Notfall blitzschnell

Das kommt leider immer wieder vor. Auch während meiner Mini-Schicht erlebe ich – nebst anständigen «Sündern» – eine Szene, in der es brenzlig wird, weil ein Schwarzfahrer nicht kooperiert. «95 Prozent der Passagiere sind okay, 5 Prozent machen Schwierigkeiten», bringt es Michele auf den Punkt. «Angst habe ich bei der Arbeit trotzdem keine, aber Respekt.» Der 48-Jährige ist schon seit fast 30 Jahren bei der Post, arbeitete in verschiedenen Funktionen, zuletzt im Verkauf bei der Post. Vor acht Jahren entschied er sich für eine neue Herausforderung. Seither kontrolliert er im Schnitt täglich 300 Fahrgäste und schreibt circa 120 Bussen pro Monat. «Bei meiner Arbeit auf der Strasse erlebe ich unsere Gesellschaft noch einmal von einer ganz anderen Seite.»

Für Michele wie Thomas überwiegen aber unter dem Strich die schönen Erlebnisse. «Vor einiger Zeit habe ich im Bus einen älteren Herrn reanimiert», erzählt Thomas. «Seine Dankbarkeit hat mich sehr gerührt.» Thomas’ fundierte Kenntnisse in Erster Hilfe kamen ihm als Kontrolleur schon bei diversen medizinischen Notfällen sehr gelegen – als Ex-Polizist ist er bestens gewappnet. Michele feiert «kleine» Erfolge, zum Beispiel wenn ein jugendlicher Schwarzfahrer nach mehrmaligem Ermahnen endlich ein Abo kauft. «Ein guter Kontrolleuer ist für mich nicht der, der stur büsst, sondern nach Ermessen verantwortungsvoll handelt», meint er. Gute Menschenkenntnisse und die Freude am Kontakt mit Menschen sind deshalb das A und O in diesem Job. Einem Job, der – wie ich heute erlebt habe – einige Risiken birgt und generell viel zu wenig Würdigung erfährt. Denn, Hand aufs Herz: Wer mag schon Ticketkontrollen?

verfasst von

Lea Freiburghaus

Redaktorin