Hintergründe

«Für eine eigenfinanzierte Grundversorgung braucht es neue Wachstumsfelder»

Urs Schwaller hat als Verwaltungsratspräsident die neue Strategie «Post von morgen» mitgeprägt. Im Interview legt er dar, wo die Schwerpunkte in den nächsten Jahren liegen: Die Post soll wachsen und für die Bevölkerung sowie die Unternehmen relevant bleiben.

Camilla Krebs

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Portrait von Urs Schwaller
Verwaltungsratspräsident der Post, Urs Schwaller, legt dar, wo die Schwerpunkte in den nächsten Jahren liegen.

Herr Schwaller, Anfang dieses Jahres ist die Post mit ihrer Strategie «Post von morgen» in eine neue Ära gestartet…

… Da möchte ich gleich einhaken: Die Post erbringt seit 170 Jahren sehr gute Dienstleistungen. Tatsache ist aber: Die Zeiten und die Erwartungen der Kunden ändern sich. Die Menge an Briefen und Zeitungen nimmt ständig ab. Es gibt immer weniger Einzahlungen am Schalter und immer mehr erfolgen Rechnungstellung und Bezahlung nur digital. Die Strategie «Post von morgen» entwickelt nun die bisherige Strategie konsequent weiter und setzt zusätzlich neue Schwerpunkte.

Was war Ihnen und dem Verwaltungsrat bei der Strategieentwicklung besonders wichtig?

Dass wir das Unternehmen Post als Ganzes betrachten. Wir haben genau analysiert, in welchem Umfeld sich die Post heute bewegt, wo uns die Trends hinführen. Wir haben unsere Erfahrungswerte auch mit denen ausländischer Postgesellschaften abgeglichen. Das Ergebnis deckt sich. Wichtig waren uns auch die Erwartungen unseres Eigners. In verschiedenen Treffen haben wir zentrale Themen und die Auswirkungen auf unsere Kundinnen und Kunden sowie unsere Mitarbeitenden offen diskutiert. Unterstützung bekamen wir von den parlamentarischen Kommissionen des National- und Ständerats.

Sie sagen: Die Post hat nun die Weichen gestellt – wohin führt uns diese Reise?

Die Post ist und bleibt auch in Zukunft ein Service-public-Unternehmen. Die Grundversorgung des Landes bleibt unser Selbstverständnis. Kommt hinzu, dass wir über die klassische Grundversorgung im postalischen Kerngeschäft hinaus die Bevölkerung und die Unternehmen in verschiedenen Lebensbereichen – beispielsweise beim elektronischen Patientendossier oder beim E-Voting – oder bei KMU-Lösungen mit erstklassigen Angeboten versorgen wollen. Und die Post soll auch eine interessante und verlässliche Arbeitgeberin bleiben. Schliesslich ist für mich wichtig, dass die Post weiterhin die finanzielle Basis für die Grundversorgung selbst erarbeitet und sich ohne staatliche Finanzierung weiterentwickelt.

Sich selbst finanzieren und gleichzeitig weltbeste Post bleiben – wie erreichen wir das?

Indem wir gezielt dort investieren, wo wir tatsächlich Chancen für neues Wachstum und neue Einnahmen sehen. Wir müssen unsere Angebote laufend weiterentwickeln. Auch ausserhalb der klassischen Grundversorgung, aber hier auf jeden Fall ohne staatliche Subventionen. Im freien Markt braucht es gleich lange Spiesse für die Post und private Anbieter. Wir müssen jedoch Verantwortung übernehmen und für die Projekte klare finanzielle Ziele und Erfolgskontrollen festlegen. Nicht erfolgreiche Projekte müssen abgebrochen werden.

In den letzten Monaten bestimmt vor allem die Corona-Pandemie unseren Alltag. Wie wirkt sich die Pandemie auf die Weiterentwicklung der Post aus?

Als wir begonnen haben, konkrete Schwerpunkte für die neue Strategie zu entwerfen, dachte niemand im Entferntesten an eine solche Krise. Jetzt aber sehen wir: Es ist richtig, verstärkt auf Logistik und digitale Dienstleistungen zu fokussieren. Wer hätte gedacht, dass der Onlinehandel derart schnell wächst? Die Post hat bewiesen, dass sie auch solche Kraftakte stemmt. Trotz der riesigen Zusatzmengen waren an Weihnachten alle Briefe und Pakete zugestellt. Das ist nicht selbstverständlich und dafür bedanke ich mich bei allen Mitarbeitenden herzlich!

Die Zukunftsfelder Logistik und digitale Kommunikation ermöglichen Wachstum und Mitfinanzierung einer ausgezeichneten Grundversorgung für die Schweiz.

Wir sprechen gerade sehr viel über Logistik und Kommunikation. Ist die Post aber nicht weit mehr als das?

Doch, ganz klar. Ich denke hier insbesondere auch an den Grundversorgungsauftrag im Schweizer Zahlungsverkehr. Alle Bereiche der Post tragen zum Erfolg des Unternehmens bei, sei es der Mobilitätsbereich, unsere Zugangspunkte, alle unterstützenden Funktionen und eben PostFinance. Post und PostFinance unterstützen deshalb die Absicht des Bundesrates, das Kredit- und Hypothekarverbot aufzuheben. Unabhängig davon hat PostFinance ihre Strategie für ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell ausgearbeitet. Es ist aber für uns unabdingbar, dass sich das Parlament nun klar entscheidet, ob PostFinance wie die anderen Banken auch Kredite und Hypotheken geben kann. Grundsätzlich ist die Post als Eigentümerin von PostFinance dafür verantwortlich, das finanzielle Risiko im Lot zu halten. Rund zwei Drittel unseres gesamten Eigenkapitals sind bei PostFinance gebunden. Zudem haben wir eine Patronatserklärung im Umfang von 1,5 Milliarden für PostFinance abgegeben. Unabdingbar ist auch, dass im Parlament eine Diskussion über die Grenzen der Grundversorgung stattfindet und ob es sinnvoll ist, jedes Detail ins Gesetz zu schreiben.

Nach einem schwierigen 2020 – was ist ihr Ziel für die kommenden Jahre?

Ich wünsche mir für die Post, dass sie ein starkes Unternehmen in einer breit verstandenen Grundversorgung für die Schweiz, die Bevölkerung und die Unternehmen in diesem Land bleibt. Ich bin überzeugt, dass die Post wie auch PostFinance dafür die Weichen neu gestellt haben und wir mit unseren Wachstumsplänen auf die richtigen Wachstumsbereiche setzen. Wir haben mit unseren motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine hervorragende Basis. Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, dass wir das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, unserer Kundinnen und Kunden in die Post jeden Tag neu festigen.

verfasst von

Camilla Krebs