Menschen, Corona

Joggender Postillon d’amour

Der Zürcher David Torcasso überbringt als joggender Postillon d’amour handgeschriebene Briefe für Menschen, die sich wegen Covid-19 nicht sehen können. Für ihn hat eine Botschaft auf Papier und von Hand geschrieben viel mehr Bedeutung als eine digitale Nachricht. Ein Romantiker? Nicht nur.

Sandra Liechti

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David Torcasso
Copyright: Lars Würgler

Wie so oft hat David Torcasso beim Joggen eine blendende Idee: in Zeiten des Lockdowns die Kommunikation fördern und etwas mehr Liebe und Verbundenheit in die Welt bringen. Und gleichzeitig das Nützliche, also Joggen, mit etwas Sinnvollem verbinden. Schon ist das Konzept des «Liebesbriefkuriers» geboren. Der geschäftige «Corona-Amor» erstellt eine Homepage Target not accessibleund lanciert seine Aktion für Menschen, die eine Botschaft senden möchten und die sich wegen Covid-19 nicht sehen können.

Jeden Tag einen Gruss zu überbringen ist sein Ziel: «Ein handgeschriebener Brief ist persönlicher und hat viel mehr Wirkung zwischen all den Zoom-Calls und E-Mails. Den kann man auch noch in 10 Jahren hervorkramen und anfassen. Vergilbte Liebesbriefe sind doch etwas Schönes», schwärmt der Romantiker, der gleichzeitig als Online-Journalist täglich auf mehreren Kanälen schreibt.

David Torcasso
Copyright: Lars Würgler

Ein geschäftiger Romantiker

Romantik und Ökonomie schliessen sich nicht aus. Knallharte Wirtschaftsdaten und Fakten im Homeoffice in den Äther senden und abends die entspannende Joggingrunde. Seit einem Monat hat er halt jetzt einen Brief mit dabei, den er pflichtbewusst abliefert und die Lieferung als Rückversicherung für den Sender auch gleich fotografiert. «Ich weiss nicht genau, warum mir die Leute ihre persönlichen Briefe anvertrauen», sinniert der 36-Jährige. «Wahrscheinlich haben sie nichts zu verbergen. Ich weiss ja sowieso, was drin steht, denn ich erhalte meistens eine E-Mail mit dem Inhalt, den ich dann von Hand auf ein Papier schreibe und in einen Umschlag stecke.»

David Torcasso
Copyright: Lars Würgler

Digital und analog verbinden

Philosophisch wird der Journalist, wenn es um die Kombination von digitaler und analoger Welt geht. Beide Erlebniswelten sollten Hand in Hand und intelligent genutzt werden: «Ich finde, es braucht keine Trennung mehr, denn alles ist verbunden. Aber momentan erleben wir fast nichts mehr physisch», bedauert David. «Homeoffice, Zoom-Meetings, Online-Shopping, Dating Apps, virtuelle Museumsrundgänge und Kulturveranstaltungen. Niemand kriegt mehr einen Brief, wir bombardieren uns hingegen mit digitalen Nachrichten. Umso mehr Wert haben in der aktuellen Lage physische Dinge wie ein Brief. Und diese Aufmerksamkeit für das direkt Erlebbare sollten wir auch nach Covid-19 pflegen und gleichzeitig die digitalen Angebote nutzen, die uns das Leben erleichtern.» Das rät er auch der Post: «Die Post müsste sich überlegen, wie sie die herkömmliche Nachrichtenüberbringung clever mit der digitalen Kommunikation kombinieren kann. Das Gefühl am Briefkasten, wenn man einen handgeschriebenen Brief oder eine Postkarte erhält, ist doch unbeschreiblich und bereitet allen eine grosse Freude!»

Seine Mission, Liebe zu verbreiten, erfüllt er weiterhin Tag für Tag. Wie lange noch, weiss der freiwillige Postillon d‘amour nicht genau.

verfasst von

Sandra Liechti