Von Kühen, Kristallen und Kurven

Eine Alpen-Corrida mit viel Spucke, einem verwunschenen Bergsee, glitzernden Klunkern am Wegrand und kühnen Kurven: die Post-Wanderung im Maderanertal.

Sandra Liechti
Blog
Zwei Wanderinnen in den Bergen

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Die Fahrt von Amsteg nach Bristen hat es in sich. Das berühmte «Tüütaatoo» des Posthorns erklingt mehrmals, denn die Kurven sind eng, der Abgrund tief und meine Angst gross. Ich sitze am Fenster direkt hinter dem Chauffeur. Schlechte Wahl, denn ich geniesse eine Rundumsicht. Die Fahrt von Amsteg hinauf ins Maderanertal ist spektakulär und entführt mich in eine andere Welt. Wir sind in Golzern angekommen. Die Talstation ist Ausgangspunkt unserer zweitägigen Wanderung.

Sind wir in Kanada?

Hinauf geht es mit einem kleinen, roten Gondeli. Es wirkt wie eine Miniaturausgabe. Es bringt meine beiden Wandergenossen und mich 600 Höhenmeter hinauf zur Bergstation Golzern. Kaum ausgestiegen, springt mir die «Poststelle» ins Auge: Postfachanlage, Briefkasten und Paketdepot in einem  die Post ist wirklich überall.

Der Weg beginnt gemächlich. Auf dem Hochplateau sieht man links und rechts felsige Gipfel, die die grüne Ebene wie bei einem Gemälde einrahmen. Mich überraschen die glitzernden Bergkristalle, die alle paar Meter am Wegrand angeboten werden. Sie liegen der Grösse nach aufgereiht, angeschrieben mit ihrem jeweiligen Preisen, auf kleinen Holzbrettern. Ich stoppe jedes Mal und bestaune die kleinen Verkaufstresen.

Der Golzernsee inmitten einer Berglandschaft
(Copyright: Tom Huber)

Bald taucht der Golzernsee auf. Er liegt eingebettet zwischen saftigen Wiesen und dunkelgrünen Tannen  eine wahrhafte Postkartenidylle. Die Stimmung erinnert mich an Kanada. Ein paar mutige Schwimmer wagen sich ins kalte Bergwasser. Ich sehe davon ab, fotografiere lieber mit meinem Handy Schmetterlinge, Enten und die allgegenwärtigen Kühe. Mit ihnen werde ich noch eine intensive Begegnung haben. Aber dazu später mehr.

Allerlei Getier

Die einfache Variante dieser Wanderung ist gemütlich, kinderwagentauglich und familienfreundlich: Mit der Mini-Gondel fährt man hoch, wandert um das Seeli herum, brätelt an einer der Grillstellen und gelangt mit der Seilbahn zurück nach Golzern/Bristen. Wir wagen jedoch den steilen Aufstieg zur Windgällenhütte.

Grüne Raupe auf einer Hand

Vielleicht treffe ich ja auf Steinböcke oder Murmeltiere? Da kraxelt eine fette, grüne Raupe über den Stein, auf den ich gerade treten will. Ich hebe sie hoch. Daraus wird sicher so ein schöner Schmetterling wie Anne aus der Truppe der zehn tierischen Wanderfreunde der Post. Nach einem Stopp in einem Meer aus Heidelbeeren nehmen wir den Schlussaufstieg zur Windgällenhütte in Angriff. Von weitem sichtbar thront sie auf dem Gipfel. Dahinter ragen noch höhere Kuppen hervor, aber die interessieren mich gerade nicht. Ich möchte einfach oben ankommen.

(Copyright: Tom Huber)

 

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Alpen-Corrida

Empfangen werden wir oben von Kühen, die überall grasen und überhaupt nicht scheu sind. Wir legen unsere Rucksäcke und durchgeschwitzten Oberteile ins Gras, breiten das Picknick aus und schwupps – schon beschnuppern die Kühe mit neugierigen, nassen Nasen unser Gepäck.

Kuh vor einem vernebelten Berg

Als ich ins Sandwich beissen will, möchte eine Kuh gleich mitessen. Ihre Schnauze kommt mir etwas zu nahe. Ich stosse sie weg, sie schlabbert mit ihrem Geifer meine nassgeschwitzte Wanderbluse voll, die zum Trocknen am Boden liegt. Ich reisse sie ihr weg. Zu spät, die Spucke hängt bereits am Ärmel, ich wedle mit der Bluse in der Luft herum, um den Speichel abzuschütteln und sie zu vertreiben und komme mir dabei vor wie eine hilflose Stierkämpferin, die das Alpenviech in Schach halten will. Mein Rumfuchteln hilft nichts. Sie bleibt wie angewurzelt stehen und schaut mich mit grossen Kuhaugen an, macht wieder einen Schritt auf mich zu. Die Gäste auf der Hütten-Terrasse beobachten das Treiben amüsiert. Wir beschliessen, beim Picknick auf die tierische Gesellschaft zu verzichten und verziehen uns hinter einen Heuschober mit Absperrung.

(Copyright: Tom Huber)

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Trolle, Feen und ein altes Haus

Der Abstieg zieht sich hin. Wir überqueren sprudelnde Bergbäche, balancieren über kleine und grössere Steine, bestaunen das satte Grün der alpinen Wiesen, wähnen uns am nebligen Nachmittag in Irland, treffen dann auf einen Wegabschnitt mit Farnen und anderen üppigen Gewächsen, fast wie im Urwald. Nicht mehr weit vor uns liegt ein dunkler Wald, der sich beim Betreten in einen Zauberwald verwandelt. Kleine, moosbedeckte Erdhügel, Farne, dunkle Tannen, Ameisenhaufen, abgestorbene Äste empfangen uns.

Frau auf einem Wanderweg der durch einen dunklen Wald führt

Wo sind die Trolle, wann schwebt eine Elfe mit ihrem Pfeilbogen hinter einem Baum hervor? In dieser verzauberten Gemütsverfassung gehen wir die letzten Schritte zum Hotel und treffen auf einen grossen Platz mit einem mächtigen Holzhaus. Die Schindeln sind schon graumeliert und wettergegerbt. Das Gebäude nebenan sieht verlassen aus. Der graue und kühle Nebel hängt hier nun tief im Tal. Die Stimmung ist fast etwas unheimlich. Mir kommt das «alte Haus von Rocky-Docky» aus dem Lied in den Sinn. Sicherlich hat auch dieses Haus schon vieles erlebt. Auf der Vorderseite mit Terrasse wird es heiterer. Warme Lichter scheinen durch die Fenster des Hotels Maderanertal heraus und laden zum Eintreten ein.

(Copyright: Tom Huber)

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Berühmte Gäste 

Das denkmalgeschützte Hotel hat eine lange und bewegte Geschichte. Seit 1864 thront es auf Balmenegg über dem Tal und hat schon allerlei illustre Gäste beherbergt: Staatsmänner- und frauen, Monarchinnen, Philosophen und Schriftsteller erholten sich hier. 1870 beispielsweise war Friedrich Nietzsche zu Gast. Das Hotel hatte sogar eine eigene Poststelle und hoteleigene Briefmarken, damit die vornehme Gesellschaft ihre Korrespondenz bequem vom Kurort aus erledigen konnte. Heute steht die kleine Poststelle neben dem Haupthaus leer. Auch die Dépendancen des Hotels mit mehreren Dutzend Zimmern, die auf dem Höhepunkt erbaut wurden, sind heute nicht mehr in Betrieb. Nur im Haupthaus mit den liebevoll restaurierten Zimmern wird die Hoteltradition von einst weitergeführt.

Der Urner Tobias Fedier, der im nahegelegenen Bristen aufgewachsen ist, hat die Leitung übernommen und führt als Nachfolger der Mutter das Hotel – auch durch die Corona-Krise. Übrigens – Handyempfang gibt es nur ganz vorne auf der Terrasse bei der Fahnenstange. Macht nichts. Im Gegenteil: Wir geniessen den Luxus, für einmal unerreichbar zu sein.

Gemütlich und kreativ

Die Wanderung am nächsten Tag ist gemütlich. Der Weg schlängelt sich sanft abfallend im Schatten von Bäumen dem Fluss entlang zurück nach Bristen. Flott schreiten wir voran, versuchen uns in ein paar Wanderliedern, die den Schritt weiter beschwingen. Wir treffen eine Klasse der Zürcher Hochschule der Künste, die hier eine Projektwoche zum Thema Aquarellieren durchführt. Ich schaue den Schülerinnen zu, wie sie auf den grossen Steinen im Fluss sitzen und mit Pinsel und Farbe ihre Malblöcke füllen. Fast möchte ich mich dazu setzen, aber wir müssen weiter. Das Postauto nach Amsteg fährt in einer Stunde.

Eine Hand hält einen Bergkristall

Gemütlich und kreativ

Übrigens – ich konnte nicht widerstehen und habe mir doch noch einen kleinen Bergkristall als Erinnerung gekauft. Vielleicht hilft er ja gegen Höhenangst. Oder schützt vor Kuh-Liebesbezeugungen?

(Copyright: Tom Huber)

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So viele (Post-)Geschichten auf dieser Wanderung. Lust auf mehr? Schauen Sie rein auf post.ch/wandern und entdecken Sie die Schweiz auf Post-Wegen. Auch dieses Jahr gibt es wieder tolle (Familien-)Wanderungen zu erkunden. Die Wanderkarte mit neuen Routen können Sie gratis und direkt nach Hause bestellen. Das beliebte Leiterlispiel finden Sie wieder auf der Rückseite.

verfasst von

Sandra Liechti