Hintergründe, Menschen

Die erste Post-Website war eine Tessinerin

Aus sieben Pionierinnen und Pionieren mit Floppy Disks wurde ein IT-Hub mit über 100 Fachleuten: Seit 30 Jahren prägt Bellinzona die digitale Post – vom ersten Webauftritt bis hin zu Sicherheitslösungen für Millionen Kundinnen und Kunden.

Anna Ostini

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Fünf Mitarbeitende sitzen an einem Besprechungstisch in einem modernen Büro und arbeiten an Laptops, während eine Person spricht und mit der Hand gestikuliert.
Von links: Nicolò Sartori, Marco Mojana, Davide Corda und Stefano Gregis.

Bellinzona im Jahr 1995. In den Büros an der Viale Stazione hat die frisch gegründete Informatikabteilung der Post den Betrieb aufgenommen. Schwere Röhrenmonitore, Floppy Disks aus Karton mit wenigen hundert Kilobytes Speicher, PCs mit lauten Lüftern machen Lärm. «Der Ventilator meines 386er mit stolzen 2 MB Arbeitsspeicher dröhnte wie ein Haarföhn», lacht Roger Mossier, der seit Tag eins dabei und heute Standortleiter ist. «Unsere Kolleginnen und Kollegen im Backoffice haben damals noch Screenshots mit einer Polaroidkamera gemacht – wir haben ihnen dann gezeigt, dass es Printscreens gibt.»

Aus jenem kleinen, fast improvisiert wirkenden Start ist über drei Jahrzehnte hinweg ein Kompetenzzentrum geworden, das heute mehr als 100 Fachleute beschäftigt. Für die Post spielt die Informatik in Bellinzona eine Schlüsselrolle: Sie sorgt dafür, dass Pakete und Briefe zuverlässig und flexibel zugestellt werden, dass Kundinnen und Kunden ihre Daten sicher verwalten können – und dass die digitale Transformation der Post in der ganzen Schweiz funktioniert.

Ein politischer Anfang

Die Geschichte des Standorts begann eigentlich mit einem Konflikt. Als Mitte der 1990er-Jahre die damalige PTT den Zahlungsverkehr automatisierte, verschwanden im Tessin zahlreiche Stellen. Nach intensiven politischen Diskussionen fand man eine Lösung, um qualifizierte Arbeitsplätze südlich der Alpen zu sichern: In Bellinzona sollte ein neuer IT-Standort aufgebaut werden. Sieben Personen bildeten das erste Team. Dass sich darunter bereits zwei Frauen befanden, war für die damalige Informatikwelt bemerkenswert.

Was als regionalpolitisches Trostpflaster begann, entpuppte sich bald als Innovationsmotor. In Bellinzona herrschte Pioniergeist. So ermunterte das umtriebige Team etwa die Post-Generaldirektion zum ersten Internetauftritt, setzte ihn um und entwickelte dazu auch gleich die ersten Applikationen. 1997 ging post.ch online – ein Meilenstein in der Geschichte der Digitalisierung des Unternehmens. «Wir waren bald im ganzen Kanton Tessin gefragt, deshalb führten wir auch Projekte für Banken und kantonale Firmen durch», erzählt Mossier.

Ein Screenshot der allerersten Post-Website von 1997.
Ein Screenshot der allerersten Post-Website von 1997.

Sicherheit rückt ins Zentrum

Mit der Öffnung ins Internet rückte ein neues Thema in den Vordergrund: Cybersicherheit. «Zuvor war das gesamte Netzwerk intern, also geschützt», so Roger Mossier. «Doch mit der ersten öffentlichen Website waren wir sofort mit Sicherheitsfragen konfrontiert.» Schritt für Schritt baute Bellinzona Expertise auf und legte so die Basis für das, was heute unumgänglich ist: sichere digitale Services für Millionen von Kundinnen und Kunden.

Heute arbeitet in Bellinzona rund ein Fünftel der Belegschaft ausschliesslich an Sicherheitsthemen. So wurde in Bellinzona etwa das «Login Post» entwickelt, ein sicheres Kunden-Login für sämtliche Postdienstleistungen. Auch mit der Einführung der SwissID liegen Projekte rund um das Kunden-Login in der Verantwortung der IT-Zentrale Bellinzona. «Mit der SwissID erreichen wir höchste Sicherheitsstandards», sagt Softwareentwickler Marco Mojana. «Sicherheit ist aber nicht nur eine Abteilung, sondern auch eine Kultur – alle müssen das Thema beherrschen.»

Während man früher auch Projekte für Dritte durchführte, stehen heute die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden der Post im Zentrum. Ein Beispiel dafür ist das «Projekt NEMO» im Jahr 2018, das die Arbeitsabläufe der Pöstlerinnen und Pöstler digitalisierte und neu definierte. «Wir wollten die Realität der Zustellung hautnah miterleben», erzählt Nicolò Sartori, der heute Teil des Leitungsteams der IT rund um die Zustellung ist. Die IT-Fachleute begleiteten deshalb viele Zustelltouren, um die Praxis besser zu verstehen. «So haben wir Funktionen eingeführt, die zum Beispiel die Tourenplanung nach den gewünschten Lieferzeiten der Kundinnen und Kunden ermöglichen», so Sartori.

Familiär trotz Wachstumskurs

Die Post gehört nicht nur im Tessin, sondern in der ganzen Schweiz zu den drei grössten Informatikarbeitgebern. Bellinzona zählt zu ihren zentralen IT-Knotenpunkten – neben Zürich, Bern, Lausanne, Neuenburg und Lissabon. Trotzdem hat der Standort seinen Charakter bewahrt. «Es gibt einen starken Zusammenhalt», sagt Davide Corda, zuständig für Personal und Transformation. «Wir organisieren Spielabende, Kart-Ausflüge oder gemeinsame Essen. Das hält die Identität trotz Wachstum lebendig.»

Das bestätigt auch Roger Mossier und erzählt von der Jubiläumsfeier, die der Standort im Juni in Rivera feierte – ein grosses Familienfest mit Grill, Spielen und Zaubershows für Kinder. «Es war freiwillig, es war Sonntag – aber es kamen 120 Personen zusammen», schwärmt der Standortleiter.

Blick auf eine mittelalterliche Burganlage auf einem Felsen, mit hohem Steinturm und Zinnenmauern, gesehen durch ein Fenster.
Das Büro bietet einen direkten Blick auf die Burg Castelgrande.

Talentschmiede im Tessin

Dass dieses familiäre Umfeld immer wieder Nachwuchs erhält, dafür ist gesorgt – nicht nur aufgrund der Zusammenarbeit mit der Università della Svizzera italiana und der Fachhochschule SUPSI. Seit 2000 bildet die Post in Bellinzona Informatiklernende aus – bislang 26 junge Menschen. Viele bleiben dem Unternehmen treu. Nicolò Sartori begann selbst 2006 als Lernender und ist heute in leitender Funktion tätig. Und der Nachwuchs zeigt Ehrgeiz: Matteo Galassini, frisch aus der Lehre, erreichte 2025 an den nationalen Berufsmeisterschaften ICTskills2025 den sehr guten sechsten Platz in seiner Disziplin. «Sieben Stunden Wettbewerb – es war hart, aber ich habe gesehen: Ich kann bestehen», sagt er stolz.

Von der Floppy Disk bis zur Möglichkeit, die Ankunft von Sendungen übers Smartphone zu steuern: In Bellinzona spiegeln sich 30 Jahre digitale Transformation der Post. Aus einem kleinen Team wurde ein Schlüsselstandort, der Kundennähe, Sicherheit und Innovation vereint – und zeigt, dass im Tessin nicht nur Informatikgeschichte geschrieben, sondern auch Zukunft gestaltet wird.

(Fotos: Joël Hunn)

verfasst von

Anna Ostini