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Kurt und Kurt: 100 Jahre in der Uniform

Sie heissen gleich, haben in derselben Zustellstelle gearbeitet und neulich beide ihr 50-Jähriges bei der Post gefeiert: Kurt Lacher und Kurt Reding erlebten den Wandel vom Handwagen zum Elektroroller, vom Beamten zum modernen Dienstleister, von der Bargeldauszahlung zur Digitalisierung.

Bas Vogler

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Kurt Reding (links) ist nach 50 Jahren bei der Post in Rente gegangen, Kurt Lacher arbeitet stundenweise noch etwas länger: Kurt und Kurt in der Zustellstelle Pfäffikon (SZ). Bild: Tom Huber
Kurt Reding (links) ist nach 50 Jahren bei der Post in Rente gegangen, Kurt Lacher arbeitet stundenweise noch etwas länger: Kurt und Kurt in der Zustellstelle Pfäffikon (SZ). (Bild: Tom Huber)

«Ich war ein totales Landei; nur mit Mühe fand ich den Weg zur Sihlpost zurück.» Die Erinnerung an den ersten Arbeitstag in Zürich lässt den pensionierten Zusteller Kurt Reding noch heute schmunzeln. Was damals als unfreiwilliger Sprung ins kalte Wasser begann, wurde zu einer 50-jährigen Verbundenheit mit der Post.

Doch Kurt Reding steht mit seiner Geschichte nicht allein da. Auch sein Namensvetter, Kurt Lacher, kann auf exakt 50 Jahre im Dienst der Post zurückblicken. Beide blieben nicht nur dem Unternehmen treu, sondern auch ihrem Beruf: stets als Zusteller unterwegs, stets in Uniform.

Er fand Gefallen am Stadtleben

Kurt Reding stammt aus dem Glarnerland, wo er auch seine Ausbildung machte. Das Schicksal brachte ihn nach Zürich: Die Sihlpost hatte damals zu wenig Mitarbeitende. Ein Fachkräftemangel, der damals wie heute die Post beschäftigt.

«Die ersten Arbeitstage in der Stadt haben mir nicht sonderlich gefallen», gesteht Kurt Reding heute. «Man sagte mir, ich müsse ein paar Tramstationen fahren und dort beginne dann meine Tour. Wo genau ich in Zürich war, wusste ich nicht.» Einige Zeit später fand er aber immer mehr Gefallen am Stadtleben: «Ich fand tolle Freunde und war oft unterwegs.»

Zehntausende Briefe in der Hand

Kurt Lacher startete zur gleichen Zeit in Rapperswil (SG), wo er die Anfangsjahre der modernen Post miterlebte. Auch Rapperswil kämpfte mit Personalmangel, was Kurt Lacher die Versetzung nach Zürich ersparte. «Drei Mal pro Tag wurde damals die Post ausgetragen», erinnert sich Kurt Lacher. «Die Menge an Briefen war eine andere als heute», ergänzt Kurt Reding und sagt: «In den letzten 50 Jahren hatten wir wohl Zehntausende von Briefen in der Hand.»

«Drei Mal pro Tag wurde damals die Post ausgetragen», erinnert sich Kurt Lacher (links). «Die Menge an Briefen war eine andere als heute», ergänzt Kurt Reding. (Bild: Tom Huber)
«Drei Mal pro Tag wurde damals die Post ausgetragen», erinnert sich Kurt Lacher (links). «Die Menge an Briefen war eine andere als heute», ergänzt Kurt Reding. (Bild: Tom Huber)

Lange Arbeitstage mit drei Zustellungen pro Tag waren üblich. «Wir hatten daher mehrere grössere Pausen. Diese habe ich gerne genutzt: Ich ging in den Zürichsee baden, habe Zeitung gelesen oder mit Arbeitskollegen gejasst», erzählt Kurt Reding. Doch auch nach Arbeitsende war der Postalltag nicht zu Ende: «Ein Feierabendbier mit den Arbeitskollegen gehörte dazu», ergänzt Kurt Lacher und sagt: «Man kannte sich gut, wir waren Freunde, nicht nur Arbeitskollegen.»

Bancomaten auf zwei Beinen

«Das Klischee stimmt», lacht Kurt Reding, als er gefragt wird, was ihm von 50 Jahren Post in Erinnerung geblieben ist. «Ich wurde einmal von einem Hund ins Bein gebissen. Die Besitzerin sagte, der wolle nur spielen. Das war aber nicht der Fall.» Seine zerrissene Hose ersetzte niemand. Dafür zahlte die Post der Hundebesitzerin eine Entschädigung für den erlebten Schrecken.

Was die beiden Kurts am meisten prägte, waren die menschlichen Begegnungen. «Du wusstest alles von den Kunden», sagt Kurt Lacher. Besonders intensiv wurden diese Beziehungen bei der AHV-Auszahlung, die damals noch bar erfolgte. «Unvorstellbar wäre das heute. Wir waren wie Bancomaten auf zwei Beinen», erinnert sich Kurt Lacher.

Kurt Lacher auf einem Bild, als der Pöstler die Monatsrente noch bar auszahlte. Bild: Tom Huber
Kurt Lacher auf einem Bild, als der Pöstler die Monatsrente noch bar auszahlte. (Bild: Tom Huber)

Die monatliche Rentenauszahlung war ein soziales Ereignis: «Die Kunden waren an diesem Tag jeweils sehr glücklich, und fast jeder Haushalt hat zum Frühstück oder Kaffee eingeladen», erzählt Kurt Reding und schmunzelt: «Wenn ich jede Einladung angenommen hätte, wäre ich heute noch unterwegs.»

Ich bin stolz, 50 Jahre bei der Post gewesen zu sein. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Kurt Reding, pensionierter Zusteller

Die Wege der beiden Kurts kreuzten sich schliesslich in der Zentralschweiz: Über 20 Jahre arbeiteten sie zusammen in Pfäffikon (SZ). Kurt Reding ist seit April dieses Jahres im Ruhestand. Kurt Lacher hingegen ist weiterhin in Uniform unterwegs. Er arbeitet stundenweise in der Zustellung und gibt seine Erfahrung an die nächste Generation weiter.

Die Geschichte geht weiter

Die beiden Kurts blicken gerne auf ihre Laufbahn zurück. «Ich bin stolz, 5 Jahre bei der Post gewesen zu sein. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich», sagt Kurt Reding nachdenklich. Kurt Lacher nickt zustimmend: «Es war ein schönes, langes Arbeitsleben. Ich war immer glücklich.»

Die Zeit bei der Post sei schnell vergangen, meinen beide. Wenn man sie fragt, wie die Post in 100 Jahren aussehen wird, schmunzelt Kurt Reding: «Dann kommt die Post mit Raketen.» Kurt Lacher wird nachdenklich: «Die Post wird sich weiterentwickeln, wie sie es schon seit der Gründung vor über 175 Jahren getan hat.» Und sagt zum Schluss: «Für mich war jeder Tag schön, den ich draussen verbringen durfte. Plötzlich waren es 50 Jahre.»

Wenn man sie fragt, wie die Post in 100 Jahren aussehen wird, schmunzelt Kurt Reding: «Dann kommt die Post mit Raketen.» Bild: Tom Huber
Wenn man sie fragt, wie die Post in 100 Jahren aussehen wird, schmunzelt Kurt Reding: «Dann kommt die Post mit Raketen.» (Bild: Tom Huber)

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Bas Vogler

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