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«Mich haben die Hofhunde immer in Ruhe gelassen»

Thomas Widmer schreibt Bücher und Kolumnen übers Wandern. Der «Spiegel» betitelte ihn einst sogar als «Wanderpapst». Ein Gespräch mit dem bekanntesten Schweizer Wanderer über Mitwandernde, bissige Hunde und die Vorzüge der Romandie.

Thomas Häusermann

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Thomas Widmer steht in einem Waldstück, umgeben von Büschen und Bäumen.

Sie wandern 2300 Kilometer pro Jahr – vermag Sie die Schweiz noch zu überraschen?

Jedes Mal! Meine Wunschliste, wo ich noch überall wandern möchte, wird immer länger.

Wo holen Sie sich Inspiration für neue Routen?

Oft sehe ich auf Bergen oder Pässen andere Berge und Pässe, die mich auch reizen. So bringe ich von jeder Wanderung am Abend zwei, drei neue Wanderideen heim. Jede Route gebärt also neue Routen. Ich lese zudem Wanderbücher oder Wandertipps in Zeitschriften. Und ich bekomme häufig Einsendungen von Leserinnen und Lesern mit Vorschlägen – nicht selten mit einer Einladung, ich soll dann noch im Ferienhaus vorbeischauen. Ideen prasseln von überall auf mich ein.

Wandern Sie Routen zweimal?

Nur in Ausnahmefällen. Aus sentimentalen Gefühlen für das Land meiner Kindheit, das Appenzellerland, gehe ich immer wieder gerne auf die Hundwiler Höhi, auf den Gäbris oder auf den Säntis. In der Innerschweiz auf den Grossen Mythen, das Matterhorn der Bergwanderer – es ist derart beeindruckend, dass man dort hochlaufen kann, oben fühlt man sich wie ein Heli­kopterpilot. Aber sonst ist das Leben zu kurz, um Routen zweimal zu wandern. Ich schätze, dass mir jede Route Überraschungen schenkt.

Wandern Sie bei jedem Wetter?

Ja, aber auf waagrechten Regen verzichte ich gerne. Die Schweiz ist meteorologisch erstaunlich vielseitig. Oft finde ich am Morgen ein «Wetter-Schnäppchen», eine Region mit besseren Bedingungen. Und wenn’s trotzdem regnet, dann gehe ich weniger lang – aber dafür mit gutem Trostessen.

Was befindet sich bei jeder Wanderung in Ihrem Rucksack?

Ein Erste-Hilfe-Set, etwas zu trinken, etwas Süsses, falls ich einen Zucker-Kick brauche, ein Regenschutz, ein Schirm und oft auch Wanderstöcke.

Seitliche Porträtaufnahme von Thomas Widmer, der aus einer Wasserflasche trinkt

Über die Person

Thomas Widmer ist ein Schweizer Journalist, Buchautor und Blogger. Er schreibt und wandert für die «Schweizer Familie». Widmer studierte in Bern und Tunis Arabisch und Islamwissenschaften, war Juror am Bachmannpreis und hat mehrere Bücher verfasst. Seine beiden Wanderbücher «Schweizer Wunder – Ausflüge zu kuriosen und staunenswerten Dingen» und «Neue Schweizer Wunder – Ausflüge zu kuriosen und staunenswerten Dingen» sind im Echtzeit-Verlag erschienen.

Bilder: © Paolo Dutto

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Wie sieht eine ideale ­Begleitperson für eine Wanderung aus?

Jemand, der nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig redet. Zusätzlich sollte die Person ein ähnliches Wertekorsett haben. Jemand, der nicht zu asketisch eingestellt ist, im Zug auch mal einen Klassenwechsel mitmacht, wenn es zu viele Leute hat. Jemand, der auch ähnlich darüber denkt, ob man eine Wanderung zum Beispiel früher als geplant beenden soll.

In welcher Konstellation wandern Sie am liebsten?

Entweder allein oder in einer Vierergruppe. Ich gehe zweimal pro Woche wandern, am Mittwoch fast immer allein. Ich geniesse diese Freiheit – einfach mal loszufahren und dann vor Ort zu schauen, welche Route ich wähle. Zu zweit wandern ist anspruchsvoll, da muss wie gesagt alles passen. Zu dritt ist jemand oft etwas isoliert, wenn sich zwei unterhalten. Zu viert ist gut, weil es wechselnde Gesprächspartner gibt. Ab vier aufwärts wird’s im Zug oder in der Beiz oft mühsam, einen Platz zu finden.

Overtourism macht Schlagzeilen – merken Sie das auch auf dem Wanderweg?

Und wie! Ich wandere schon sehr lange, begann damit als Student in den 80er-Jahren. Es ist krass, wie viel mehr Leute es heute hat, besonders im öV. Auf einigen Strecken ist es extrem. Nicht nur Zürich–Bern, sondern auch zum Beispiel Zürich–Chur an einem Samstagmorgen. Die Freude am Wandern besteht dann darin, die Menschenmassen mit kleinen Mitteln «loszuwerden».

Wie schaffen Sie das?

Indem ich in Chur zum Beispiel nicht Richtung St. Moritz weiterfahre, sondern aufs nahe Fürhörnli steige. Ein unbekanntes Mini-Bergchen – dort gibt’s keine Menschen. Wenn man im Appenzellerland immer nur den Höhenweg vom Hohen Kasten zur Staubern wandert, hat man Hunderte Menschen auf der Route – wenn man nur schon eine etwas andere Richtung einschlägt, seine Ruhe.

Merken Sie auch, dass das Wandern generell populärer geworden ist?

Definitiv. Ich treffe zum Beispiel heute viel mehr junge Frauen an, allein oder in Gruppen, was früher nicht der Fall war. Da traf man Frauen vor allem als Begleitung ihres Mannes und ihrer Kinder an. Und man trifft auch viele Expats, die die Schweiz auf dem Wanderweg erkunden. Das Wandern hat gewissermassen neue Schichten gewonnen, das gefällt mir sehr.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese gestiegene Popularität?

Der Wunsch nach Entschleunigung und das Bedürfnis nach dem Luxusgut Platz. Beim Wandern kommt der Atem zur Ruhe, man kann ungestört in Gedanken versinken. Ich bin tendenziell ein nervöser, gestresster Mensch – aber wenn ich abends vom Wandern nach Hause komme, habe ich oft ein Buddha-Grinsen im Gesicht.

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Sie sind ständig in der ganzen Schweiz unterwegs und fühlen ihr wandernd auf den Zahn. Wie geht es ihr?

Vieles hat sich im Vergleich zu früher verändert. Zum Beispiel haben die Bauern gelernt, sich selbst zu vermarkten. Plötzlich trifft man abseits des Hofes auf einer Weide auf einen kleinen Kiosk mit Glace aus dem solarbetriebenen Kühlschrank – grossartig! Anderes wiederum empfinde ich eher als deprimierend. Zum Beispiel, dass einerseits Randregionen leiden, Talschaften wie etwa das Calancatal aussterben – und andererseits, dass viele Gemeinden eine schlechte Ortsplanung haben, alles überbauen. Dörfer rutschen aus der Form, fransen aus. Gewisse Talkessel – etwa der von Schwyz – überwuchern regelrecht, und zwischen manchen Gemeinden sind die Grenzen gar nicht mehr feststellbar. Was mich ebenfalls immer wieder nachdenklich stimmt, sind die Wohlstandsdifferenzen, die spürbar sind, wenn man zum Beispiel von Zürich aus Richtung Berner Jura fährt. In Tavannes sieht man am Bahnhof Arbeitslose, und der Kaffee kostet nur 3.20 Franken oder ähnlich.

Wie unterscheiden sich Deutsch- und Westschweiz sonst noch auf dem Wanderweg?

Am grössten ist der Unterschied auf der Speisekarte (lacht). Das Essen in der normalen Dorfbeiz ist in der Westschweiz flagrant besser. Als ich letztes Jahr den Schweizer Jakobsweg gewandert bin, ist zudem bei mir jede Selbstherrlichkeit des Hobby-Zürchers verflogen: als ich gesehen habe, wie viel schöner der Genfersee im Vergleich zum Zürichsee ist. Zwischen Lausanne und Morges kann man zwei, drei Stunden lang dem Ufer nachwandern – wunderschön! Oft gibt es nicht mal Wege, manchmal Sand- und Kiesflächen mit angeschwemmten Bäumen. Das ist wohl der Romandie-Style: alles etwas cooler, nicht so gestaltet. Wir waren uns alle einig: ein klares 1:0 für den Genfersee!

Und das Tessin?

Ich wandere oft im Tessin und spreche wann immer möglich mit den Menschen. Ich bin jedes Mal begeistert: Sie sind herzlich, legen Wert auf Gastfreundlichkeit. Mir wird dann immer bewusst: Die übergeordnete Idee, dass ich Teil eines Staates bin, der grösser ist als meine eigene Deutschschweizer Kultur, ist einfach grossartig.

Hatten Sie auch schon Angst auf einer Wanderung?

Ja, das kommt vor. Alle ein, zwei Jahre schaffe ich es, mich in Gefahr zu bringen – letztes Mal, als ich am Mittaggüpfi, einem Berg der Pilatuskette, im Nebel den Weg verloren habe.

Wie reagieren Sie dann?

Das Wichtigste bei Angst ist: erst mal absitzen. Nicht versuchen, möglichst schnell eine Lösung zu finden, indem man etwa zurückhastet. Durchschnaufen, etwas essen und trinken. Handy nehmen und auf dem Navi schauen, wo man ist, wo der Weg ist – aber alles sehr vorsichtig und langsam.

Haben Ihnen auch schon Kühe oder Hunde Angst gemacht?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich als Kuhflüsterer gelte (lacht). Ich verstehe mich sogar mit Mutterkühen gut. Ich habe auch keine Angst vor Hunden, bin gewohnt an alle Arten von Hofhunden, die nicht immer die Liebsten sind. Das ist vielleicht das Briefträger-Gen meines Vaters. Ich begleitete ihn schon als Fünfjähriger auf seiner Tour. Er sagte dann: «Bueb, dort oben wohnt der Müller. Geh rauf und gib ihm die Post. Du musst aber aufpassen, er hat einen bösen Hund.» Mich haben die Hofhunde aber immer in Ruhe gelassen, ich verstehe mich mit allen Tieren gut.

Was halten Sie vom Trend Winterwandern?

Winterwandern finde ich super, auch wenn es anstrengend ist. Erst muss man schauen, ob die Routen offen sind, dann sich mit Skifahrerinnen und -fahrern in eine Gondel zwängen – aber am Ende gibt es dann oft doch ein prickelndes Champagner-Gefühl. Wenn an einem schönen Wintertag die Höhensonne auf das bleiche Unterländer-Nebelgesicht scheint, tut das unglaublich gut. Dafür lohnt sich der Aufwand, den man zum Beispiel auch mit der Kleidung hat. Da ist das Zwiebelprinzip angesagt – mal friert man, mal schwitzt man. Ich wandere aber generell gerne im Winter, auch im Flachland, wo es selten Schnee hat.

Die Post ist Hauptpartnerin der Schweizer Wanderwege und setzt sich für dieses einzigartige Wegnetz ein. Mit dem Post-Förderpreis unterstützt sie jährlich besonders familienfreundliche Wanderwegprojekte. Auf post.ch/wandern finden Sie viele Tipps und Inspirationen für Wanderungen mit der ganzen Familie.

verfasst von

Thomas Häusermann