Hintergründe, Menschen
Post trifft Altersheim – und sorgt für Schwung im Dorf
In Morbio Inferiore beherbergt das Altersheim nicht nur Menschen, sondern auch die Post. Ein Besuch im Südtessin.
Inhaltsbereich
Anders, als es der Ortsname vermuten lässt, lässt sich Morbio Inferiore nicht unterkriegen. Das Dorf liegt am Hang eines Hügels im Südtessin, eine Region der Grenzen, Übergänge und des Abwartens. Von der Terrasse des Altersheims Parco San Rocco aus blickt man auf die Autobahn und die Lastwagen, die sich am Zoll stauen. Die Luft ist feucht, der Regen der Nacht hat einen feinen Dunst hinterlassen, der die Hügel umgibt.
Es ist kurz nach 8 Uhr, als sich Linda Bosisio, Büroangestellte des Altersheims, beim Empfang positioniert. Der Tag hat bereits begonnen, und mit ihm das geschäftige Treiben. Der gelbe Lieferwagen der Postbotin Michela Terzi hält vor dem Eingang: Pakete, Zeitungen, Briefe zum Einfächern. Das ist die erste Etappe. «Oberste Priorität haben die Zeitungen für die Bewohnerinnen und Bewohner», erklärt Bosisio, selbst ehemalige Pöstlerin. «Für unsere Seniorinnen und Senioren bin ich ein Kontakt zur Aussenwelt.» Sie kommen einzeln, grüssen, nehmen die Zeitung und gehen mit ihr unter dem Arm davon.
Vom Experiment zum Mikrokosmos
Seit 2017 beherbergt das Altersheim eine Filiale mit Partner – ein kleines Experiment des Zusammenlebens, das sich mit der Zeit zum Vorbild entwickelt hat. John Gaffuri, Geschäftsführer des Parco San Rocco, spricht von «gegenseitigem Nutzen»: Das Altersheim hat seine Funktion als Gemeinschaftszentrum ausgebaut, während die Bevölkerung einen bequemen und familiären Service dazugewonnen hat. Neben dem Altersheim gibt es auch eine Spielgruppe und sogar eine Bäckerei. Ein Mikrokosmos, der funktioniert. Punkt 9 Uhr kommt Luca Ongaro, Gemeindeschreiber, mit einem Bund Briefe herein – so wie jeden Tag. «Ich muss nur die Strasse überqueren, das ist sehr praktisch», sagt er und fügt an: «Ich finde es immer schade, wenn eine Poststelle schliesst. Das löst gerade bei älteren Menschen Unbehagen aus. Es ist wichtig, dass die Postversorgung aufrechterhalten bleibt.» Bosisio nickt zustimmend: Die Digitalisierung vereinfache zwar das Leben, sei aber nicht immer zuverlässig. «Wenn das Internet spinnt, muss man es wie früher machen. Zum Glück weiss ich noch von damals, wie es geht», schmunzelt sie.
Grenzen beim Bargeldbezug
Eine Stunde später tritt Bianca Schaub über die Türschwelle. Nachdem die ältere, elegante Frau Bargeld bezogen hat, bleibt sie für einen Schwatz mit Linda stehen. Dann gesellt sie sich zu den Brüdern Alfred und Clemens, die im Heim wohnen, und setzt sich mit ihnen in den Garten. «Ich komme jeden Tag hierher», erklärt sie. «Inzwischen ist Linda eine Freundin.» Sie erledige ihre Überweisungen hier, für komplexere Geschäfte gehe sie nach Chiasso, sagt sie. «Ich erhalte wenige Pakete und einige Einschreiben, wie z. B. als ich meine Debitkarte verloren habe.» Das einzige Negative sei die Limite von 50 Franken für den Bargeldbezug. «Für ältere Menschen und Personen ohne Auto ist das ein Problem.» (Anmerkung der Redaktion: Dieser Betrag ist der garantierte Mindestbetrag. Es liegt im Ermessen des Partners, Beträge bis 500 Franken auszuzahlen.)
Armando Crivelli, ein rüstiger 94-Jähriger, der mit seiner Frau im Altersheim wohnt, freut sich, die Post buchstäblich bei sich zu Hause zu haben. «Ich brauche sie aber nur noch selten. Es kommen nur ab und zu ein paar Rechnungen.»
Im Tessin ist Fantasie gefragt
Im Garten brennt inzwischen ein Feuer. Koch Mathieu Ghizzardi und die Lernende Lara Eira bereiten den letzten Grillplausch der Saison vor. Sie habe sich noch nie mit der Schliessung von Filialen der Post beschäftigt. Er hingegen sagt nachdenklich: «Eine Poststelle ist ein historischer Ort. Aber das ist der Lauf der Zeit …»
Im Tessin funktioniert der Umbau des Postnetzes anders als in der Deutschschweiz. Patrick Soldini, Spezialist Netzdesign und Partnerformate bei der Post, erklärt: «In der Deutschschweiz kann sich die Post auf Geschäfte mit vielen Filialen stützen, wie etwa Volg.» Im Tessin aber brauche es Fantasie: Hier werden einzelne Restaurants, Metzgereien oder Altersheime zu Partnern. «Die Idee ist es, Zentren zu schaffen, in denen die Bevölkerung unterschiedliche Dienstleistungen findet und sich gleichzeitig treffen kann.» Er ist zuversichtlich: «Die Umwandlung ist heute kein Tabu mehr. Sie stösst auf Verständnis, auch von Seiten der Behörden.»
Morbio Inferiore ist mehr als eine Grenzgemeinde. Hier läuft ein Experiment des Zusammentreffens von Jung und Alt. Es ist ein Ort der Begegnung, an dem Alltag, Gemeinschaft und Dienstleistung ineinandergreifen.
Das sind die Filialen mit Partner
Aktuell gibt es über 1200 Filialen mit Partner. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur postalischen Grundversorgung in der Schweiz und sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Postnetzes. Sie bieten rund 90 % der Leistungen einer klassischen Filiale, punkten mit ihren Öffnungszeiten und guter Erreichbarkeit – besonders in ländlichen Regionen. Die Kundenzufriedenheit mit Filialen mit Partner liegt bei 80 von 100 Punkten, ein Spitzenwert.