Menschen

Arsema geht ihren Weg

Erst noch war sie Schülerin in Eritrea, jetzt hat Arsema Habte (20) als erster Flüchtling die Ausbildung zur Logistikerin EBA im Briefzentrum Zürich-Mülligen abgeschlossen. Wie die junge Frau ihre Herausforderungen meistert, ist eindrücklich.

Simone Hubacher

Arsema Habte im Briefzentrum Zürich-Mülligen Copyright: Michael Sieber

Arsema Habte wohnt erst seit fünfeinhalb Jahren in der Schweiz, spricht aber schon sehr gut Deutsch. Dass sie sich als ruhig und anfangs zurückhaltend bezeichnet, weist auf ihre Bescheidenheit hin. Die junge Frau (20) weiss aber sehr genau, was sie will und kann. Diesem Charakterzug – ihrer Entschlossenheit – und ihrem Talent verdankt sie, dass sie diesen Sommer als erster Flüchtling die Ausbildung zur Logistikerin EBA bei der Post erfolgreich abschliessen konnte. Die junge Eritreerin strebt nach mehr; wird als nächstes die EFZ-Passerelle (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) absolvieren. Denn: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Und Träume hat Arsema noch einige …

Schwierige Zeiten

Doch wie kam Arsema Habte überhaupt in die Schweiz? Und wie zur Post? Sie erzählt: «Aufgewachsen bin ich mit meiner älteren Schwester in Asmara, der Hauptstadt Eritreas. Die Eltern hatten gute Jobs, wir besuchten ab sechs Jahren den Kindergarten und ab der 1. Klasse eine Privatschule. Von der 1. bis zur 5. Klasse wurde dort in der Muttersprache unterrichtet, ab der 6. Klasse alles auf Englisch. Als ich acht Jahre alt war, habe ich wegen den politischen Unruhen im Land meinen Vater zum letzten Mal gesehen.» Die Mutter flüchtete 2011 in die Schweiz. «Mama verliess Eritrea zwei Jahre vor uns Kindern – wir Töchter lebten fortan bei den Grosseltern.»

Eines Nachts, Ende 2013, seien sie beide, ihre Schwester und sie, von zwei Autos zuhause abgeholt worden. «Unsere Flucht», so Arsema, «war nur möglich, weil unsere Eltern so viele Menschen kannten.» Die Reise führte via Sudan und Südsudan nach Uganda – jedenfalls für Arsema. «Das Auto meiner Schwester wurde gestoppt; sie musste zurück und unsere Wege trennten sich», sagt Arsema mit klarer Stimme. Nach einer einmonatigen Wartezeit in Uganda und der Mithilfe der Schweizer Botschaft konnte Arsema in die Schweiz fliegen und zu ihrer Mutter ziehen.

Copyright: Michael Sieber

Via Integrationsvorlehre zur Lehrstelle

In der Schweiz war Arsema immer von den richtigen Menschen und Coaches umgeben. Nach einem einjährigen Intensiv-Deutschkurs an der Viventa Zürich und einem Motivationssemester bei der Stadt Zürich schickten Arsema und ihr Betreuer eine Bewerbung an die Post. «Die Lehrstellen waren alle besetzt, aber ich durfte im Briefzentrum Zürich-Mülligen schnuppern gehen und schliesslich eine Integrationsvorlehre antreten», so Arsema. «Ich hätte mir nie vorgestellt, einmal für die Schweizerische Post zu arbeiten. Aber die Möglichkeit, bei guten Leistungen eine EBA-Ausbildung an die Vorlehre anknüpfen zu können, motivierte mich sehr.»

Die Vorlehre dauerte ein Jahr, die Lehre zur Logistikerin EBA zwei weitere. Dass sie die englische Sprache beherrsche, sei bei der Integration ihr Vorteil gewesen, weiss Arsema. Berufsbildner Roman Willy hebt weitere Pluspunkte hervor. «Arsema ist sehr ausgeglichen und trägt immer ein Lächeln im Gesicht. Sie arbeitet in allen Arbeitsgebieten gleich motiviert, auch wenn es ihr dort nicht so gefällt. Weil sie so zuverlässig und pünktlich ist und praktisch keine Absenzen hat, ist sie sozusagen eine ideale Lernende. Wenn wir nur Lernende wie sie hätten, dann könnte ich zuhause bleiben, weil sich das Daily Business von selbst erledigen würde», schmunzelt er. Auf jeden Fall freue es ihn, dass Arsema sich jetzt für die EFZ-Passerelle entschieden habe.

Copyright: Michael Sieber

Sie träumt von der Uni

Arsema geht die erneute Herausforderung gelassen an, denn «schulisch ändert sich nicht vieles.» Jeder Arbeitstag beinhaltet eine Stunde Selbststudium, bei Fragen dürfen sich die Lernenden jederzeit an den Berufsbildner wenden.

Die Arbeit sei für sie heute noch spannender als in der Ausbildung. «Denn neu darf ich auch Teamleiter begleiten. Der Job ist dadurch sehr vielfältig», schwärmt Arsema.

Ihre Schwester studiert heute in Eritreas Hauptstadt, mit ihr stehen Arsema und ihre Mutter in Kontakt. Wo der Vater sich aufhält, ist ungewiss. Arsema selbst träumt auch von der Universität. «Später zu studieren, bleibt mein Traum. Den hegte ich schon als kleines Mädchen – Internationales Management oder Recht am Liebsten ...» Vorerst freut sie sich aber auf alles, was sie bei der Post noch lernen kann. Und auf viele Begegnungen mit den Postmitarbeitenden.

Weil sie so zuverlässig und pünktlich ist und praktisch keine Absenzen hat, ist sie sozusagen eine ideale Lernende.

Roman Willy, Berufsbildner, über Arsema.

verfasst von

Simone Hubacher

Redaktorin