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Drei Strategien zur nachhaltigen Steigerung der individuellen Agilität

Von Joël Krapf | 11.09.2017 | 0 Kommentare

Alle reden von agiler Organisation. Doch wie steigern wir eigentlich unsere individuelle Agilität nachhaltig? Diese drei Strategien können helfen.

Agilität ist in aller Munde. Und kein Text dazu beginnt ohne den Hinweis auf die grossen Veränderungen, die mit der digitalen Transformation einhergehen. Die Gefahr bei der Diskussion um Agilität ist jedoch, dass darin eine Antwort für alles gesehen wird und das Schlagwort ins Groteske oder gar Zynische gezogen wird. Vielleicht sind solche oder ähnliche Aussagen bekannt: «Die Kaffeemaschine ist defekt, da müssen wir halt agil sein»; «Frau Meier hat die Unterlagen nicht dabei, zum Glück sind wir agil»; oder auch «Herr Müller hat 10 Minuten Verspätung, aber wir sind ja agil».

Was Agilität eigentlich bedeutet

Dabei wird Agilität in der Literatur relativ einheitlich definiert. Im Kern wird damit nämlich die Fähigkeit verstanden, effizient und effektiv auf Veränderungen reagieren bzw. solche Veränderung proaktiv (autonom) initiieren zu können. Davon ausgehend gibt es verschiedene Gestaltungsfelder, die näher betrachtet werden können. Im von der IT geprägten Diskurs dominieren Arbeitsmethoden wie Scrum oder Design Thinking. In der Personalentwicklung stehen oft die Werte und Kompetenzen der Mitarbeitenden im Vordergrund. Und im Management oder in der Unternehmensentwicklung dreht sich die Reflexion nicht zuletzt um Governance und Organisationsstruktur.

Wie wir unsere eigene Agilität steigern können

Alle Gestaltungsfelder sind für eine ganzheitliche Umsetzung (in) einer Organisation relevant, doch als einzelne Mitarbeitende haben wir darauf oft nur beschränkte Einflussmöglichkeiten. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb müssen wir als Individuen Wege finden, um unsere eigene Agilität zu steigern. Ein «agiles Mindset» ist dabei als Voraussetzung hilfreich, aber damit haben wir noch kaum unser Verhalten konkret verändert. Folgende drei Strategien können hier ansetzen und unsere Agilität effektiv steigern:

1) Kontinuierliches Lernen zur Gewohnheit machen

Noch immer stehen die Bildungsinstitutionen als Inbegriff für unser Lernen. Dabei verbringen wir spätestens nach der Ausbildung deutlich mehr Zeit fern vom Klassenzimmer als darin. Auch in der (betrieblichen) Bildungsforschung kommt dem informellen Lernen seit längerer Zeit eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Die etwas plakative 70:20:10-Formel von Jennings weist darauf hin, dass lediglich ein kleiner Bruchteil unseres Lernens in formellen Lernsituationen stattfindet, während wir deutlich mehr im Austausch mit anderen Personen (20%) und in der täglichen Arbeit lernen (70%). Wie schaffen wir es also, dass wir diese 90% möglichst effektiv nutzen können? Ein grosses Potenzial liegt darin, die Lernmöglichkeiten, die uns das tägliche Leben bieten, auch tatsächlich zu erschliessen. Überall machen wir Erfahrungen, hören und sehen wir Dinge, die etwas in uns auslösen. Doch viel zu wenig halten wir dabei inne und machen uns bewusst, was wir daraus für unser Verhalten lernen können. Hier hilft es, wenn wir beispielsweise ein Lerntagebuch führen, in das wir regelmässig festhalten, was wir erlebt haben und was wir daraus lernen. Das muss nicht einmal viel Zeit in Anspruch nehmen. Wer jeden Tag beim Warten auf den Zug auf seinem Smartphone festhält, was er rückblickend gelernt hat, wird sich kontinuierlich verbessern und so deutlich agiler sein. Um die Lernimpulse zu erhöhen, kann es helfen, den «richtigen» Personen auf Facebook, Twitter, LinkedIn usw. zu folgen. Auch die bereits etwas altmodische Technologie der RSS-Feeds macht das Verfolgen von vielen Blogs effizient und ermöglicht so einen raschen und effizienten Einblick in neue Themen. Weitere einfach zugängliche Lerninhalte bieten auch YouTube (Khan Academy, Ted Talks usw.) oder MOOC-Plattformen (Coursera, Udacity usw.). Wichtig ist aber überall: Erst mit der Reflexion entstehen aus implizitem, trägem Wissen sogenannte «Learnings», die uns im täglichen (Arbeits-)Alltag etwas nützen und uns agiler machen.

2) Agile Methoden als persönliche Arbeitstechnik nutzen

Grundprinzipien aus Scrum oder Design Thinking können wir auch für unser persönliches Arbeitsvorgehen übernehmen. Selbst bei kleinen und/oder individuellen Arbeiten hilft es, wenn wir iterativ vorgehen, uns nicht in einer Vielzahl paralleler Aufgaben verlieren, den Kunden bzw. die Zielgruppe in den Vordergrund stellen und dabei vorhandene Probleme gestaltungsorientiert angehen. Konkret kann das bedeuten:

  1. Führen einer Pendenzenliste im Sinne eines «Backlogs»
    Nicht mehr planen, was wann gemacht wird, weil ohnehin stets wieder etwas dazwischen kommt. Vielmehr eine Liste mit Task führen und dann regelmässig (wöchentlich bis monatlich) entscheiden, welcher Task nun am meisten Mehrwert bietet. So kann dann auch gerade eine Reflexionseinheit am Ende eines Task eingebaut werden, um dadurch aus den Erfahrungen zu lernen und Lernen zur Gewohnheit zu machen (vgl. oben)
  2. Iteratives Vorgehen durch regelmässiges Feedback
    Wegkommen von der Idee, dass eine Lösung im ersten Wurf perfekt sein muss bzw. kann. Agiler ist man, wenn rasch Feedbacks von Zielgruppen und Experten eingeholt werden, um die Lösung kontinuierlich zu verbessern. So lassen sich Anpassungsnotwendigkeiten schneller und einfacher erkennen bzw. integrieren.
  3. Prototyping anstatt Detailkonzepte
    Je bildhafter ein Vorschlag ist, desto hilfreicher wird das Feedback. Damit allerdings nicht bereits detaillierte Lösungen in mühsamer Kleinstarbeit erarbeitet werden, können Prototypen Ideen rasch und effizient konkret machen. Das schnelle Umsetzen unterstützt dabei auch das Lernen, weil so schnell erkannt werden kann, welche Annahmen und Ideen potenzialreich sind. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich nicht in Prototypen verliebt, sondern sie als Hebel dazu sieht, kontinuierlich und iterativ zu einer (immer besseren) Lösung zu kommen.

3) Mehr Fragen und weniger Antworten

Vielen von uns fällt es einfacher, eine Antwort zu geben, als eine gute Frage zu stellen. Dabei lernen wir viel mehr, wenn wir jemandem zuhören, als wenn wir unser Wissen gebetsmühlenartig wiederholen. Techniken wie aktives Zuhören usw. helfen dabei, aus einem Gespräch (mehr) zu lernen. Die Grundlage ist allerdings ein echtes Interesse für das Gegenüber und dessen Gedanken. So fragen wir oft nach einer Meinung und beurteilen diese dann mit unserem eigenen Wertemuster. Wer nach dem Warum einer Meinung fragt, wer wirklich zu verstehen versucht, welche Überlegungen einen Menschen zu seiner Meinung führen, der kann auf verschiedenen Ebenen ein fruchtbares Gespräch führen. Eine potenzialreiche Übungsanlage ist beispielsweise der Austausch mit einer Person, die diametral andere politische Ansichten hat. Aber auch in der Arbeitswelt «ticken» wir anders. Der Jurist hat eine andere Vorstellung von «richtig» als die Ökonomin, der Sozialarbeiter, die Personalentwicklerin oder der Controller. Das Kennen dieser verschiedenen «Rationalitäten» ist ein erster Schritt, besser damit umzugehen. Agiler werden wir allerdings v.a. dann, wenn wir die unterschiedlichen Wertemuster nicht nur kennen, sondern auch verstehen. Damit das gelingt, brauchen wir wiederum kontinuierliches Lernen als Gewohnheit (vgl. oben).

Die drei Strategien als Quintessenz zum Mitnehmen

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Zur nachhaltigen Steigerung der individuellen Agilität hilft es, das kontinuierliche Lernen zur Gewohnheit zu machen, agile Methoden als persönliche Arbeitstechnik zu nutzen sowie vermehrt zu fragen als zu antworten. Das Festhalten von solchen Quintessenzen ist quasi eine Bonusstrategie, um aus einer Informationsaufnahme auch nachhaltig zu lernen.

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