Ein zweites Leben für Postkleider

Vor einem Jahr: Martin Wettstein sortiert im Logistikzentrum des Schweizerischen Roten Kreuzes gebrauchte Arbeitskleider der Post. Der beliebte Allrounder ist auch zuständig für die Lagerverwaltung und Bereiche der Logistik. Er macht sich fit für den ersten Arbeitsmarkt – und sorgt dafür, dass die hochwertigen Textilien weiter genutzt werden können.

Graue Fleecewesten, die robusten Arbeitshosen mit den praktischen Taschen, hellgelbe Blusen und mehr: Martin Wettstein nimmt jedes Kleidungsstück in die Hand. Und überprüft: Sind die Knöpfe dran? Die Nähte intakt? Ist die Ware abgenutzt? Kiloweise Textilien begutachtet er täglich im Logistikzentrum La Trouvaille des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Bern. Er sortiert die Kleider nach Zustand und Kategorie. 

Qualität für kleines Geld – oder gratis

Was fast neuwertig ist, verkauft das SRK zu günstigen Preisen in seinen Secondhand-Warenhäusern La Trouvaille. Qualitativ gute Kleidung mit kleinen Mängeln kommt via Tell-Tex unter anderem der Schweizer Berghilfe zugute. Die Bergbauernfamilien erhalten sie umsonst. Nicht mehr tragbare Kleidungsstücke, auch typische Post-Accessoires wie Foulards oder Krawatten, werden thermisch verwertet: Die bei der Verbrennung entstehende Wärme wird im Idealfall zur Strom- oder Energieerzeugung genutzt. Pro Jahr verarbeitet das SRK durchschnittlich 15 Tonnen Arbeitskleider der Post – über den Wareneingang führt Martin Wettstein eine genaue Statistik. 

Markenschutz und Kreislaufwirtschaft: kein Widerspruch

Eine grosse Herausforderung für die Wiederverwertung ist der Markenschutz: Was verkauft oder verschenkt wird, darf kein Postlabel tragen. «Es könnte sich sonst ja jemand als Pöstler ausgeben», erklärt Martin Wettstein. «Bei einem Grossteil der Ware müssen wir deshalb das Label schonend entfernen.» Das übernehmen im Rahmen von Integrationsmassnahmen Menschen mit einer gesundheitlichen oder sozialen Beeinträchtigung. Allrounder Wettstein ist wiederum für die Qualitätskontrolle zuständig. 

«Inzwischen gibt es auch eine erste Lösung für die Regenjacken mit dem grossen aufgedruckten Postlogo auf dem Rücken», weiss er – auch die gehen nämlich durch seine Hände. «In der geschützten Werkstätte BEWO in Oberburg entstehen jetzt kleine Taschen, bei denen das Logo bewusst zum Eyecatcher wird.» Dieses Pilotprojekt ist ein schönes Beispiel für die Kreislaufwirtschaft, findet auch Antonia Stalder, Projektleiterin Corporate Responsibility Post: «Mit der Fertigung der Taschen schliessen wir den Kreis: von einer fairen Produktion unserer Arbeitskleider über deren Weitergabe ans Rote Kreuz bis zum Upcycling der ausgedienten Regenjacken zu Taschen.» An weiteren Ideen wird gearbeitet. 

Arbeitsplätze für Stellensuchende

Heute: Gut zwei Jahre lang hat Martin Wettstein im SRK-Logistikzentrum gearbeitet. Er hat dort die Chance erhalten, sich weiter zu qualifizieren, Sicherheit und Stabilität aufzubauen. Er hat sie mit grossem Engagement genutzt – und mittlerweile auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle gefunden: ein schöner Erfolg für die Zusammenarbeit von Post und SRK.