Innovation & Technologie

Neuenburg ist neuer E-Voting-Angelpunkt

Am bestehenden IT-Standort Neuenburg baut die Post ein neues Kompetenzzentrum auf: Mit einem eigenen Spezialisten-Team und dem erworbenen Quellcode entwickelt sie dort das E-Voting-System weiter.

Simone Hubacher

Baptiste Lanoix, Leiter IT Neuenburg
Baptiste Lanoix, Leiter IT Neuenburg. Copyright: Lena Schläppi

«Dass E-Voting hier weiterentwickelt wird, gibt uns die Möglichkeit, uns neue Fähigkeiten anzueignen, insbesondere im Bereich der Kryptografie. Diese Kompetenzen werden für die Post in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein», sagt Baptiste Lanoix, Leiter IT Neuenburg bei der Post. «Für unseren Sitz in Neuenburg ist es natürlich eine grosse Ehre, ein solch prestigeträchtiges Projekt realisieren zu dürfen.» Den Standort gibt es seit 30 Jahren; jetzt wächst er – aktuell sind es 43 Mitarbeitende – und gewinnt an Bedeutung.

Die Kryptografie ist die Disziplin der Mathematik, die die Authentizität, Vertraulichkeit und Integrität digitaler Daten garantiert. Dank ihrer anerkannten Zuverlässigkeit sei die Schweizerische Post eine legitime Akteurin auf diesem Markt, so Lanoix: «Die Menschen haben keine Schwierigkeiten, der Schweizerischen Post einen wichtigen Brief oder ein wertvolles Paket mit auf den Weg zu geben, weil sie sicher sind, dass die Sendung den Empfänger erreichen wird. Dasselbe können wir mit unseren Daten tun, indem wir mit IncaMail  ein sicheres E-Mail verschicken oder per E-Voting abstimmen.»

Fehler im Quellcode behoben

Die Post beschäftigt sich seit 2014 mit E-Voting. Im März 2019 setzte sie ihr System befristet aus, nachdem Hacker beim vom Bund und Kantonen angeordneten, öffentlichen Test kritische Fehler im Quellcode fanden. Ihr früheres System war in den Kantonen Thurgau, Neuenburg, Basel-Stadt und Freiburg im Einsatz. Im April 2020 übernahm die Post schliesslich sämtliche Rechte am Quellcode der ehemaligen spanischen Technologiepartnerin Scytl, die für die unabhängige Weiterentwicklung notwendig sind. «Dank diesem Entscheid können wir den Kantonen künftig eine Lösung anbieten, die in der Schweiz für die Schweiz entwickelt wird», sagt Claudia Pletscher, Leiterin Entwicklung und Innovation  bei der Schweizerischen Post.

Bis es voraussichtlich 2021 so weit sein wird, arbeitet ein zwölfköpfiges E-Voting-Spezialisten-Team um Nils Aellen mit Hochdruck an der Weiterentwicklung des Systems. Aellen, seit 2015 als IT-Architekt u. a. im Bereich E-Voting bei der Post tätig, hat dafür fünf neue E-Voting-Spezialisten angestellt. «Wir hatten enormes Glück bei der Rekrutierung und auch jetzt: Der Zusammenhalt ist sehr gut, was nicht selbstverständlich ist. Denn der Start mit dem neuen Team erfolgte für uns aufgrund von Corona im Homeoffice. Mittlerweile sind wir top motiviert ins Postgebäude am See zurückgekehrt.»

Bedenken verstanden

Mit der unabhängigen Weiterentwicklung schafft die Post die Voraussetzung dafür, dass sie als bundesnahes Unternehmen die zahlreichen föderalen Eigenheiten der Schweiz bei der Entwicklung berücksichtigen und die hohen und spezifischen Anforderungen an ein Schweizer E-Voting-System noch besser erfüllen kann. Ausserdem signalisiert sie mit diesem Schritt, dass sie die in der öffentlichen E-Voting-Debatte geäusserten Bedenken gegenüber der Rolle von ausländischen Lieferanten verstanden hat. «E-Voting ist immer mit öffentlichem Druck verbunden», sagt Nils Aellen. «Aber dieser spornt uns auch an. Im Team sprechen wir darüber und unterstützen einander. Die Lust, der Post zum Durchbruch im Bereich E-Voting zu verhelfen, ist ein wichtiger Eckpfeiler auf dem Weg zum Erfolg.»

Unabhängig, aber nicht allein

Die Post entwickelt das E-Voting-System zwar unabhängig weiter, aber nicht im stillen Kämmerlein. Im Gegenteil: Sie verstärkt die Zusammenarbeit mit Schweizer Fachhochschulen, Universitäten und Experten. Zudem bindet sie die IT-Community eng mit ein. Sie will die kritische Prüfung des Systems für unabhängige Experten so einfach wie möglich machen, damit diese Verbesserungen melden können.

Drei weitverbreitete Annahmen über E-Voting und die Antworten der Post

E-Voting ist keine Konkurrenz zum Urnengang oder zur Briefwahl, sondern eine zusätzliche Möglichkeit für Stimmbürgerinnen und -bürger, ihren politischen Willen zu äussern. Profitieren von diesem Kanal könnten zum Beispiel auch Auslandschweizer oder Sehbehinderte. Verschiedene Kantonsparlamente sind aktiv daran, ihrer Bevölkerung E-Voting zu ermöglichen. In den letzten 17 Jahren gab es in der Schweiz mehr als 300 erfolgreiche Urnengänge mit E-Voting. 15 Kantone haben mindestens zeitweise für einen Teil ihrer Bevölkerung E-Voting angeboten. Auch wenn die eingesetzten E-Voting-Systeme wieder verschwunden sind, deuten Meinungsumfragen darauf hin, dass sich eine Mehrheit E-Voting wünscht. Bestätigt wird dies beispielsweise auch von einer kürzlich erschienenen Studie, die der Kanton Basel-Stadt in Auftrag gegeben hat.

Das neue E-Voting-System der Post basiert auf dem Prinzip der universellen Verifizierbarkeit. Ein solches System war in der Schweiz bisher noch nie im praktischen Einsatz. Dank der universellen Verifizierbarkeit können Wahlbehörden beim Auszählen der Stimmen überprüfen, ob Stimmen in der elektronischen Urne manipuliert worden sind. Diese Überprüfung ist mit dem Nachzählen physischer Stimmzettel vergleichbar.

Das E-Voting-System der Post ist so konzipiert, dass beides gleichzeitig möglich ist. Jeder Stimmbürger erhält per Post seine Wahl- und Abstimmungsunterlagen. Dazu gibt es einen Stimmrechtsausweis mit verschiedenen Codes, die für die elektronische Stimmabgabe nötig sind. Die Stimme wird digital verschlüsselt. Erst am Wahltag wird sie durch die Wahlkommission des Kantons entschlüsselt. Das System kann zu keinem Zeitpunkt eine Stimmabgabe einer konkreten Person zuordnen. Damit bleibt das Stimmgeheimnis gewahrt. Das System erkennt aber mit mathematischer Genauigkeit, wenn eine Stimme nachträglich verändert wurde oder eine Person mehrere Stimmen abgegeben hat. (mc)

verfasst von

Simone Hubacher

Redaktorin