Menschen

Im Gespräch mit vier Flüchtlingen

Ende November fand am Hauptsitz der Post die Human Living Library statt: Dabei erzählten vier Geflüchtete, wie sie in die Schweiz gekommen sind und wie sie sich auch dank ihrer Integrationsvorlehre bei der Post einleben konnten. Hier sind ihre Geschichten.

Claudia Iraoui

Bahlibi Girmay, Eritreer (Copyright: Jan Bill)

Bahlibi Girmay, 30

«Ich komme aus Eritrea. Das Problem in Eritrea ist nicht der Krieg. Das Problem ist und bleibt die Diktatur, die unserer Bevölkerung seit über 20 Jahren die Zukunft raubt. Ich wollte nicht in den Militärdienst, deshalb bin ich eines Nachts über die Grenze nach Äthiopien geflüchtet. Ich verbrachte eineinhalb Jahre in einem Flüchtlingslager. Danach durchquerte ich via Sudan die Wüste und kam nach Libyen. Wir waren 27 Personen – Männer, Frauen und Kinder – und hatten kaum genug Platz, um uns hinzusetzen. Um uns herum hörten wir den Kampflärm der Guerilla an der Grenze zu Ägypten. Ich machte Halt in Bengasi und dann in Tripolis. Schliesslich konnten wir die Überfahrt in Angriff nehmen. Sie pferchten 300 Personen in ein kleines, schäbiges Boot. Zum Glück trafen wir nach rund 20 Stunden auf See auf ein italienisches Schiff, das uns nach Sizilien brachte. Ich wollte jedoch nicht im Empfangszentrum bleiben und machte mich eines Nachts mit sieben anderen davon. Ich wusste, dass mein Bruder, mit dem ich seit meiner Flucht aus Eritrea keinen Kontakt mehr hatte, in Zürich lebte. Deshalb nahm ich den Zug. Es war wunderschön, als ich meinen Bruder wieder in die Arme schliessen konnte. Nun lebe ich zusammen mit meiner Freundin in Trimbach. Wir haben ein zehn Monate altes Kind. Meine Familie in Eritrea fehlt mir sehr, aber die Schweiz ist nun mein Zuhause.»

Bashir Tahar, Eritreer (Copyright: Jan Bill)

Bashir Tahar, 21

«Die eritreische Militärdiktatur benutzt den Krieg mit Äthiopien als Vorwand, um einen unbeschränkten, bis 30 Jahre dauernden Militärdienst zu rechtfertigen. Mein Vater starb im Krieg, und ich wollte nicht dasselbe Schicksal erleiden. Als sie mich für die Aushebung abholten, bin ich deshalb vom Lastwagen gesprungen und in den Sudan geflüchtet. In Khartum arbeitete ich als Hilfskoch und Tellerwäscher. Manchmal schlug ich mich auch als Seifenverkäufer auf einem Markt durch. Es konnte jedoch nicht so weitergehen, deshalb durchquerte ich die Wüste. Von Tripolis aus fuhren wir mit dem Schiff Richtung Lampedusa. Wir sind fast gestorben, weil Wasser ins Schiff eingedrungen ist. Wir haben es mit Wasserflaschen herausgeschöpft, damit wir nicht untergingen.Von Lampedusa aus gelangten wir über Catania, Cagliari und Rom bis nach Mailand. Von Milano Centrale fuhr ich mit dem Zug in die Schweiz nach Chiasso, wo mich die Polizei festnahm. Im Empfangszentrum Kreuzlingen wurde ich befragt und meine Daten wurden überprüft, danach kam ich ins Asylzentrum Solothurn. Die Zeit dort war die schwierigste. Ich fragte mich, was ich da mache; ich hatte das Gefühl, ein Jahr meines Lebens zu verlieren. Natürlich fehlt mir meine Mutter sehr, aber heute bin ich glücklich: Ich bin gut integriert, mache eine Ausbildung und habe viele Freunde. Ich weiss es zu schätzen, dass ich frei bin und sagen kann, was ich denke. Ich hoffe, dass ich eines Tages meinen Traum verwirklichen kann: Geschäftsmann werden!»

Mohammad Basir Sediqi, Afghane (Copyright: Jan Bill)

Mohammad Basir Sediqi, 21

«Die Schweiz ist ein sehr schönes Land, das mir unzählige Möglichkeiten bietet. Ich kann hier ruhig leben, zur Schule gehen und arbeiten. Nicht so wie in meinem Herkunftsland Afghanistan, wo der Krieg wütet. Als ich Afghanistan zusammen mit meinen Eltern und Geschwistern verliess, war ich 17 Jahre alt. Ich wusste nichts über die Schweiz, wir wussten nicht, wohin es uns verschlagen würde. Wir reisten zum Teil mit dem Auto, zum Teil gingen wir zu Fuss. Wir brauchten vier Monate, um die Türkei zu Fuss zu durchqueren. Danach gelangten wir über Griechenland und den Balkan in die Schweiz. Ich hätte gerne studiert, aber mein Deutsch war dafür nicht gut genug. Deshalb suchte ich mir eine Arbeit, am liebsten bei der Post, weil sie ein grosses Unternehmen mit vielen Möglichkeiten ist. Während der ersten Arbeitstage tauchte ich in eine völlig neue Welt ein, von der ich wenig bis nichts verstand, und am Abend war ich jeweils todmüde. Ich bin aber sicher, dass für mich in ein paar Jahren neue Türen aufgehen werden. Nun lebe ich seit vier Jahren in der Schweiz. Ich habe eine eigene Wohnung. Wenn ich merke, dass die Leute Angst vor mir haben, weil ich Ausländer bin, macht mich das traurig. Afghanistan fehlt mir sehr. Wäre nicht Krieg, würde ich zurückgehen.»

Henok Afewerki, Eritreer (Copyright: Jan Bill)

Henok Afewerki, 25

«In Eritrea musste ich mit 18 in den Militärdienst einrücken. Ich war in einem Programm, in dem ich während einer gewissen Zeit die militärische Ausbildung machen und danach Mechaniker lernen konnte. Irgendwann liessen sie uns ohne Begründung während eines Monats bis in die Stadt Mafka marschieren. Es gab wenig zu essen, und wir schliefen auf der Strasse. Im Nachhinein denke ich, dass es eine Art Bestrafung war für jene, die in der Schule schlechte Noten hatten. Wir blieben ohne Ausbildung und in prekären Verhältnissen in Mafka. Deshalb flüchtete ich nach Khartum im Sudan. Am 4. Juni begann ich meine Reise nach Europa. Sie war schwierig und gefährlich: Rund zehn Tage sassen wir auf einem Pickup ohne Dach auf Wasserflaschen, um die Sahara zu durchqueren. Die weiteren Etappen waren Ajdabiya und Tripolis. Im Camp wurden wir bewacht, es war wie in einem Gefängnis. Wenn man zahlte, konnte man Richtung Italien aufbrechen. Ein Cousin aus dem Südsudan zahlte für mich. Die 15 Stunden übers Meer waren furchtbar: Ich kann kaum schwimmen und ich war seekrank. Ich hatte Angst, ich wusste nicht, ob wir angekommen wären, hätte uns nicht ein italienisches Schiff aufgenommen. Ich hatte solches Glück! In Italien wollte ich jedoch nicht bleiben. So kam ich über Mailand, Chiasso und Kreuzlingen in den Kanton Solothurn. Die Freiheiten sowie die Möglichkeit, zu arbeiten, schätze ich in der Schweiz sehr. Obwohl mir meine Familie fehlt, würde ich nicht zurückkehren. Ich konnte meine Eltern vor zwei Monaten in Äthiopien wiedersehen, weil ich dort meine langjährige Verlobte geheiratet habe. Wenn alles gut geht, kommt sie in sechs Monaten in die Schweiz. Ich fühle mich noch nicht vollständig integriert, weil ich noch einige Schwierigkeiten mit der Sprache habe, aber meine Arbeit und meine Kollegen in Härkingen helfen mir sehr.»

Die Integrationsvorlehre

Im Dezember 2015 beschloss der Bundesrat, anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in der Schweiz beruflich schneller und nachhaltiger zu integrieren. Er lancierte deshalb die Integrationsvorlehre. Seit 2016 hat die Post insgesamt 34 Plätze für die einjährige Integrationsvorlehre angeboten, neun davon im Paketzentrum Härkingen. Die Absolventen dieser Integrationsvorlehre fanden im Anschluss eine Beschäftigung – auch bei der Post.

verfasst von

Claudia Iraoui

Channel Manager Digital