Innovation & Technologie

«Der Betrieb von Drohnen erfordert eine Sicherheitskultur wie in der kommerziellen Luftfahrt»

Was Drohnen mit einem Formel 1-Wagen gemeinsam haben und warum sich schwere Katastrophen oft vermeiden liessen, erläutert Prof. Michel Guillaume, Leiter des Zentrums für Aviatik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Sarah Camenisch

Inhaltsbereich

Herr Prof. Guillaume, welches sind Ihre Erkenntnisse zum Drohnenbetrieb der Post?

Der Betrieb von Drohnen erfordert eine Sicherheitskultur mit Prozessen, wie sie in der kommerziellen Luftfahrt zum Tagesgeschäft gehören. Die heute sehr hohe Sicherheitskultur in der Luftfahrt wurde aber über mehr als hundert Jahre entwickelt. Die kommerzielle Drohnentechnologie ist erst rund zehn Jahre alt. Damit sich das bereits hohe Sicherheitsniveau der Post weiter an diese Standards annähert, hat die Expertengruppe Empfehlungen formuliert.

Worin bestehen die Empfehlungen?

Aus der Forschung zu «Man Made Desasters» wie zum Beispiel der Öl-Katastrophe um Deep Water Horizon weiss man, dass die Signale in vielen Fällen erkennbar sind und sich die meisten dieser Katastrophen deshalb verhindern liessen. Dafür braucht es aber einen Informationsfluss, der Abteilungs- und Unternehmensgrenzen überwindet. Zudem müssen den erhaltenen Informationen angemessene Taten folgen. Deshalb ist eine der zentralen Empfehlungen, das «Safety Management System» des Drohnenbetriebs weiter auszubauen und eine Lernkultur über die Unternehmensgrenzen hinweg zu fördern. Zudem empfehlen wir eine unabhängige Aufsichtsfunktion über die sicherheitsrelevanten Prozesse. Ein Schritt in diese Richtung ist getan: Der Expertenrat wird die Post im Drohnenbetrieb weiterhin beraten.

Drohnen sind eine relativ junge Technologie. Was bedeutet dies für den Betrieb?

Pioniere werden mit unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert. Ein gutes Risikomanagement ist deshalb besonders wichtig. Das bedeutet nicht, alle Risiken zu vermeiden, sondern, sie frühzeitig zu erkennen, Massnahmen zu ergreifen und dadurch Risiken wohl kalkuliert einzugehen. Innovationsprojekte wie die Drohnenlogistik können mit einem Formel-1-Rennwagen verglichen werden. Extreme Geschwindigkeit und Beschleunigung führen zu Risiken, weshalb es ausserordentlich gute Bremsen braucht. Die Bremsen haben bei allen Formel-1-Teams höchste Priorität – das ist gelebtes Risikomanagement.

Welches Potenzial weisen Drohnen in der Schweiz auf?

Die Schweiz ist bei der Entwicklung von Drohnentechnologie, vor allem von autonomen Systemen, weltweit an der Spitze. Aber bei den Anwendungen müssen wir uns beeilen, um den internationalen Anschluss nicht zu verlieren. In der Schweiz sehe ich abgesehen von der Logistik Potenzial in der Überwachung und bei der Inspektion von Infrastrukturen wie Stromnetzen oder Strassen. In unserer anspruchsvollen alpinen Geografie dürften solche Inspektionen dank autonomen Drohnen effizienter und zuverlässiger werden. Die Regulatoren sind gefordert, dieses Potenzial mit einer zukunftsorientierten, aber auch risikobewussten Gesetzgebung nutzbar zu machen.

verfasst von

Sarah Camenisch