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«TopSharing ist ein Modell der Zukunft»

Nicole Steck und Julie Mackmood leiten gemeinsam das Innovationsteam von PostMail. TopSharing ist ein partnerschaftliches Führungsmodell in Kaderpositionen. Im Vorfeld des Internationalen Tages der Frau geben die beiden Auskunft.

Simone Hubacher

Julie Mackmood und Nicole Steck (rechts) stärken sich als TopSharing-Tandem gegenseitig den Rücken.

Wer kam euer TopSharing-Team zustande? War die Stelle so ausgeschrieben?

Julie Mackmood: Nicole hatte die Leitungsfunktion zuvor alleine ausgeführt und hatte 2019 einen fünfmonatigen Urlaub. Im Rahmen eines temporären Stellenwechsels innerhalb des Konzerns hatte ich die Leitung des Innovationsteams PostMail während dieser Zeit übernommen. Als sich die fünf Monate dem Ende zu neigten, trafen wir uns zu einem Austausch.

Nicole Steck: Dabei kam die Idee auf, die Stelle künftig gemeinsam zu besetzen. Mit diesem Vorschlag gelangten wir an unseren Vorgesetzten. Wir hatten die Hypothese, dass wir zusammen die Herausforderungen dieser Funktion besser packen können als alleine – wussten es aber zu der Zeit noch nicht. Der Umgang mit dem Faktor Unsicherheit ist im Innovationsmanagement völlig normal – man begegnet ihr, indem man Neues einfach ausprobiert.

Julie Mackmood: Wir schlugen eine Testphase von fünf Monaten vor. Unser Chef liess sich darauf ein. So erhielten wir die Chance, unsere Hypothese zu beweisen.

Kanntet ihr euch schon vorher?

Julie Mackmood: Ja, wir kannten uns schon. Zuerst flüchtig, später besser, weil wir im Herbst 2018 beide an einer von der Post organisierten Innovations-Studienreise nach Asien teilnahmen.

Was war die Hauptmotivation dafür, dass ihr dieses Modell gewählt habt?

Nicole Steck: Es gab verschiedene Gründe. In erster Linie waren es die Vorteile, die wir im Job selbst sahen. Uns gefiel der Monat, in dem ich Julie in meine Stelle einführte, sehr gut. Entscheidungen gemeinsam zu treffen, war für uns beide sehr wertvoll.

Julie Mackmood: In einer Führungsposition ist man manchmal alleine – in einer Co-Leitung ändert dies. Nicht nur in Bezug auf Entscheidungen – auch Erfolge und frustrierende Momente kann man teilen. Auch in der Freizeit gibt’s Vorteile: man hat mehr davon!

Nicole Steck: Julie hat Kinder, ich nicht. Mehr Zeit für Familie und Hobbys zu haben, bedeutet auch, den Kopf für neue Ideen frei zu haben. Das ist manchmal schwierig, wenn man von Montag bis Freitag einen mit Meetings zugepflasterten Kalender hat.

Wie unterscheidet respektive ergänzt ihr euch?

Nicole Steck: Wir bringen sehr unterschiedliche berufliche Erfahrungen mit: Julie hat IT-Background, ich Wirtschaft/Management. Gerade im Innovationsbereich ist dies sehr wertvoll. Jede von uns hat einen anderen «Filter», welche Themen und Signale interessant sein könnten.

Julie Mackmood: Seit wir zusammenarbeiten, füllt sich unsere Ideen-Pipeline viel schneller und vielfältiger. Und wir lernen voneinander – nicht nur fachlich, sondern auch bezüglich der «weichen Faktoren» – wir sind zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und sehen so aus verschiedenen Winkeln, mit welchen Argumenten man beispielsweise einen Gesprächspartner überzeugen kann.

Nicole Steck: Luft im Kalender gibt, dass wir uns regelmässige Meetings aufteilen können. Auch die Stellvertretung ist einfach geregelt. Da wir uns synchronisieren, sind keine aufwändigen Ferienübergaben notwendig. In einer normalen Arbeitswoche arbeiten wir beide 70 Prozent – zwei Tage sind wir gemeinsam da. Während den Ferien der einen arbeitet die andere Vollzeit. Die Nachteile sind klein: Es braucht etwas Koordination. Für die Post sind die Lohnkosten etwas höher.

Copyright: Monika Flückiger

Wie aufwändig sind die Absprachen/Übergaben?

Julie Mackmood: Wir führen ein gemeinsames Onenote-Notizbuch. Darin halten wir nicht nur fest, was passiert ist, sondern auch unsere Gefühle dazu. So verstehen wir nicht nur Fachliches, sondern auch die Zwischentöne. Pro Woche pflegen wir etwa eine Stunde Sparring, dazu kommen hin und wieder gemeinsame Kaffeepausen oder Mittagessen.

Nicole Steck: Wenn wir nicht gemeinsam am Arbeiten sind, ist SMS der beliebte Kanal. Man muss auch dazu bereit sein, an einem freien Tag einmal eine Frage zu klären oder eine E-Mail zu lesen. Das ist in einer Führungsfunktion aber sowieso selbstverständlich und deshalb nichts Neues. Während den Ferien sind wir jedoch offline.

Wie wissen die Kunden/Ansprechpersonen, wann sie auf Nicole und wann sie auf Julie zugehen sollen?

Nicole Steck: Da wir uns gut synchronisieren, spielt es keine Rolle, auf wen von uns beiden sie zugehen. Für alle Themen der Führung/Leitung sind wir austauschbar. Daneben führen wir aber beide eigene Innovationsprojekte, dort wissen die involvierten Personen, wer zuständig ist.

Gibt’s öfters Diskussionen zwischen euch, wer welches (neue) Thema betreut? Oder seid ihr euch da immer rasch einig?

Julie Mackmood: In fachlichen Themen ergibt es sich meistens von alleine: Braucht es tieferes IT technisches Verständnis und Netzwerk, dann bin ich im Lead, in eher marktgerichteten Themen ist es Nicole.

Nicole Steck: Bisher waren wir uns immer verblüffend rasch einig. Im Vorfeld des Jobsharings hatten wir uns vertieft damit auseinandergesetzt, wie wir mit Konflikten und Unstimmigkeiten umgehen. Diese gabs bis heute noch gar nicht. Wir verfolgen beide das gleiche Ziel, wollen einen super Job machen und zusammen mit unserem Team Ideen zu Innovationen und hoffentlich zu neuen Produkten entwickeln. Die gegenseitige Offenheit für unterschiedliche Wege zum Ziel ist dabei eine Grundhaltung.

Hand auf Herz: Empfehlt ihr euer Modell anderen Frauen in Führungspositionen und entsprechenden Personalabteilungen von grösseren Unternehmen weiter?

Julie Mackmood: Wir empfehlen dieses Modell nicht nur Frauen, sondern auch Männern! Aus unserer Sicht ist das TopSharing ein Modell der Zukunft: Diskussion und Diversität bringen mehr Reflektion und damit bessere Entscheidungen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mag ein Vorteil eines solchen Modells sein, aber es gibt auch sehr viele andere gute Gründe, weshalb jemand im Sparring arbeiten will und/oder mehr Freizeit wünscht.

Nicole Steck: Offenheit für unterschiedliche Vorgehensweisen, Freude an Horizonterweiterung und Vertrauen zum Jobsharingpartner sind die Grundlagen dafür – ein TopSharing ist nicht ideal für ausgeprägte Alphamenschen und Einzelgänger. Man muss schon bereit sein, Kontrolle und Verantwortung abzugeben und auch sein Arbeitspensum und damit das Einkommen zu reduzieren. Zudem besteht das Risiko, vom beruflichen Umfeld als weniger ehrgeizig und zielorientiert wahrgenommen und eingestuft zu werden. Vermutlich gibt es Positionen, die sich für TopSharing besser eignen als andere, die Vorteile liegen jedoch auf der Hand: Zwei Menschen bedeuten auch immer zwei unterschiedliche Skillsets, zwei Netzwerke und zwei Brainpower. Zudem sehen wir, dass die für ein erfolgreiches TopSharing notwendigen Fähigkeiten an Relevanz gewinnen in einer Welt, in der Netzwerke immer wichtiger werden und Hierarchien an Bedeutung verlieren.

Mehr zur Diversität im Konzern Post erfahren Sie hier.

TopSharing

TopSharing ist ein partnerschaftliches Führungsmodell in Kaderpositionen oder eine gemeinsame Führung mit doppelter Power. Zwei Personen teilen sich eine Stelle und deren Verantwortung; wichtige Entscheide treffen sie gemeinsam; ihr Stellenbeschrieb ist identisch.

  • Die Post bietet TopSharing seit 2008 an.
  • Diese Stellen sind speziell als TopSharing-Stellen gekennzeichnet im Inserat.
  • Die Linie entscheidet, ob eine Stelle als TopSharing ausgeschrieben wird. In der Reorganisation bei PostNetz wurden beispielsweise viele Stellen im TopSharing ausgeschrieben.

Chancen von TopSharing: zwei Personen mit je reduziertem Pensum arbeiten produktiver. Dank TopSharing werden mehr interessante Vollzeitstellen auch für Teilzeitarbeitende zugänglich.

verfasst von

Simone Hubacher

Redaktorin