Hintergründe

Pakete zustellen bei Zwiebelduft und Konfettiregen

Die Gassen in der Berner Altstadt sind voll. Voll mit Menschen und Marktständen. Es ist Zibelemärit. Für Bernerinnen und Berner ist der Markt so etwas wie ein inoffizieller kantonaler Feiertag und darum herrscht Ausnahmezustand. Daher gehört zu Georgi Ginevs Zustelltour das Durchqueren von Menschenmassen und ganz viel Konfetti.

Fabienne Naef

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Georgi Ginev auf dem Waisenhausplatz in Bern
Copyright: Lars Würgler

Es ist acht Uhr morgens am Montag, 28. November, und Georgi Ginev läuft gut gelaunt auf mich zu. Sein erster Kommentar nach der Begrüssung ist: «Heute habe ich nicht so viel zu tun. Ich habe nur 90 Pakete auszuliefern.» Für mich tönen 90 Pakete nach viel. Nachdem er mir aber erklärt, dass sein Rekord bei 400 Paketen liegt, verstehe ich, wieso 90 eher wenig sind.

Georgi Ginev lädt die Pakete in den Lieferwagen

Georgi hat um sieben Uhr sein Fahrzeug mit Paketen beladen und ist seit Viertel vor acht unterwegs. Wir beliefern noch ein paar Quartiere ausserhalb, bevor es mitten in die Altstadt geht. Und heute ist seine Zustelltour keinesfalls alltäglich. Nicht nur, weil er von mir und einem Kameramann begleitet wird, sondern auch, weil der «Zibelemärit» in der Berner Altstadt stattfindet. Es ist der grösste Markt in Bern und findet jedes Jahr am vierten Montag im November statt. Ab sechs Uhr morgens tummeln sich die Leute an diversen Ständen und werden kulinarisch verwöhnt. Ikonisch für diesen Markt sind die Zwiebelzöpfe, -kränze und -figuren. Darüber hinaus werden Textilien, Schmuck, Keramik und Spielwaren angeboten. Die Berner Gassen sind voll mit Ständen und zahlreichen Leuten, die in Gruppen den Tag geniessen. Kinder und Jugendliche werfen mit Konfetti, sodass der ganze Boden bunt ist.

Copyright: Lars Würgler

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Mitten in dieser Szenerie findet sich dann auch Georgi wieder. Der Berner Zusteller muss wegen des Markts heute zwei Strassen weiter parkieren und die ganze Gegend rund um den Markt zu Fuss beliefern. «Heute mache ich viel mehr Schritte als an den anderen Tagen», meint Georgi mit einem Zwinkern. Aber das mache ihm nichts aus. Er ist sehr effizient unterwegs und stellt die Pakete rund um den Markt problemlos in einer rasanten Geschwindigkeit zu, so dass ich ihm fast nicht nachkomme. Etwas ausgebremst wird er, als er mitten durch den Markt muss. Die Leute machen ihm aber Platz und eine Passantin sagt zu ihren Freunden: «Stimmt, die Pakete müssen natürlich trotz Markt zugestellt werden.» – Wie recht sie damit hat.

Georgi Ginev inmitten des Zibelemärits
Copyright: Lars Würgler
Georgi Ginev grüsst jemandem winkend

Auf die Frage, ob er an einem solchen Tag, wo er mehr Hürden hat auf seinem Zustellweg, weniger motiviert ist, antwortet er: «Ich habe immer Spass bei der Arbeit.» Er liebt es, draussen zu sein und hat gerne Kontakt zu seinen Kundinnen und Kunden. Sie freuen sich, ihn zu sehen. Mit den einen tauscht er sich regelmässig über Alltägliches aus und weiss über das Privatleben Bescheid. Zudem freut er sich, wenn er Freunde von sich auf der Strasse trifft: «Dann können wir uns kurz unterhalten, das versüsst mir den Tag.» Im Sommer habe er sich auch schon in der Mittagspause mit einem Arbeitskollegen getroffen und sie seien in der Aare schwimmen gegangen. Wegen dieser Kontakte macht er seinen Job gerne.

Copyright: Lars Würgler

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Dass er die Berner Altstadt wie seine eigene Westentasche kennt, merke ich schnell. Denn überall zeigt er mir seine Tricks, wie er die Pakete noch schneller zustellen kann. Er weiss zum Beispiel auch bei jeder Tür, wie sie aufgeht oder bei welchen Läden er an die Scheibe klopfen muss, damit ihm aufgemacht wird. Auffallend in den Gebäuden sind die engen Lifte. Er hat manchmal nur ganz knapp Platz. «Wenn die Pakete und ich nicht reinpassen, befülle ich den Lift, schicke ihn nach oben und nehme die Treppe», meint er.

Georgi Ginev im Aufzug
Copyright: Lars Würgler

Nach etwa 45 Minuten hat er alle Pakete im Umkreis des Zibelemärits zugestellt. Um den Markt zu geniessen, hat Georgi keine Zeit. Er als Berner war aber natürlich auch schon mit Freunden am Zibelemärit. Wieso er den Markt besucht? «Wegen des Glühweins.» Ob er ihn heute noch besucht, entscheidet er spontan. Es komme darauf an, wie fit er nach der Arbeit noch ist.

Georgi Ginev im Lieferwagen
Copyright: Lars Würgler

verfasst von

Fabienne Naef