Hintergründe

«Mit dem neuen GAV übernimmt die Post als Arbeitgeberin eine Vorreiterrolle»

Familienfreundliche Anstellungsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Gleichstellung und Schutz vor Diskriminierung sind wichtige Themen im neuen GAV der Post, der am 1. Januar 2021 in Kraft tritt. Valérie Schelker, Leiterin Personal Post und Mitglied der Konzernleitung erklärt, warum die Post als Arbeitgeberin damit noch attraktiver wird.

Muriel Bäriswyl

Valérie Schelker, Leiterin Personal Post und Mitglied der Konzernleitung.
Valérie Schelker, Leiterin Personal Post und Mitglied der Konzernleitung.

Valérie Schelker, der neue GAV der Post ist unter Dach und Fach. Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich bin stolz darauf, dass es uns zusammen mit den Sozialpartnern syndicom und transfair gelungen ist, die guten Anstellungsbedingungen der Post zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln und noch attraktiver zu gestalten. Verhandlungen sind immer ein Geben und Nehmen – es liegt auf der Hand, dass die Interessen am Verhandlungstisch unterschiedlich sind. Umso wichtiger ist es, dass alle Beteiligten im Interesse der Mitarbeitenden gemeinsame Lösungen finden. Insgesamt bietet der neue GAV den Mitarbeitenden über die konkreten Verbesserungen hinaus auch Stabilität und Sicherheit in Zeiten der Veränderung. Wenn wir an die aktuelle Situation in Zusammenhang mit Corona denken, ist das wichtiger denn je.

Welche Themen lagen Ihnen bei diesen Verhandlungen besonders am Herzen?

Ich setze mich seit Jahren für die Gleichstellung ein – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, Sprache, Kultur, Lebensform, der sexuellen Orientierung oder anderen sichtbaren und unsichtbaren Merkmalen. Ich engagiere mich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für Lohngleichheit und für faire Anstellungsbedingungen. Es erfüllt mich mit Freude, dass die Post mit dem GAV 2021 in diesen wichtigen Themen echte Fortschritte erreicht hat.

Von welchen Verbesserungen profitieren die Mitarbeitenden aus Ihrer Sicht am meisten?

Die Mitarbeitenden profitieren alle gleichermassen davon, dass der neue GAV die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben weiter verbessert. Und für alle Mitarbeitenden, die Nachwuchs erwarten oder eine Familie gründen werden, bietet die Post mit dem neuen GAV sehr attraktive Anstellungsbedingungen: Mütter haben neu das Recht, zusätzlich zu den 18 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub sechs weitere unbezahlte Wochen zu beziehen. Den Vaterschaftsurlaub haben wir von zwei auf vier bezahlte Wochen verdoppelt, die Väter können ergänzend dazu vier Wochen unbezahlten Urlaub beziehen. Von dieser Regelung profitieren nicht nur Väter, sondern auch die weiblichen Partnerinnen von Müttern in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sowie Eltern, die ein Kind adoptieren.

Wie fortschrittlich sind die Anstellungsbedingungen im Vergleich zu anderen Schweizer Unternehmen?

Insbesondere beim Thema Familie und Beruf übernimmt die Post mit dem neuen GAV eine Vorreiterrolle. Ich denke da vor allem an den gemeinsamen Betreuungsurlaub, den es in Schweizer Unternehmen bisher nur sehr vereinzelt gibt und den wir neu anbieten werden: Wenn beide Eltern im Postkonzern arbeiten, können sie ihren Anspruch auf bezahlten und unbezahlten Mutter- und Vaterschaftsurlaub zusammenfassen und die Zeit untereinander aufteilen, wobei der Mutter in jedem Fall die gesetzlich vorgeschriebenen 14 Wochen zustehen. Und beim Vaterschaftsurlaub wird die Post mit vier Wochen künftig doppelt so viel bieten wie in der Gesetzesvorlage vorgesehen, über die wir im Herbst abstimmen werden.

Weshalb ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Sie zentral?

Die Schweiz kann es sich aus volkswirtschaftlicher Sicht einfach nicht leisten, das Potential von gut ausgebildeten Frauen und Männern mit Betreuungspflichten zu wenig zu nutzen! Als drittgrösste Arbeitgeberin der Schweiz und als Service-public-Unternehmen ist die Post hier in der Mitverantwortung. Es geht mir aber nicht nur um die Familien, sondern um die Förderung der Vielfalt ganz generell. Studien zeigen ganz klar, dass gut durchmischte Teams nicht nur motivierter, sondern auch innovativer sind und somit auch zum wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens beitragen. Es werden weniger Fehlentscheide getroffen, weil gemischte Teams eine ausgewogenere Perspektive einnehmen können.

Der Vaterschaftsurlaub wird in der Schweiz heiss diskutiert. Was verspricht sich die Post von einer Verdoppelung von zwei auf vier Wochen?

Es fördert die Gleichstellung von Müttern und Vätern im Berufsleben, ist aber auch der Ausdruck veränderter Rollenbilder, die wir in unseren Anstellungsbedingungen abbilden wollen. Gerade junge Mitarbeitende haben ein neues Rollenverständnis. Ihnen wollen wir bei der Post ein attraktives Arbeitsumfeld bieten. 

Das sind alles tolle Neuerungen für Familien. Wie sieht es aus mit den übrigen Mitarbeitenden? Können sie ebenfalls von Verbesserungen profitieren?

Mit dem Recht auf Nicht-Erreichbarkeit und der Möglichkeit für Teilzeitmitarbeitende, in Absprache mit dem Team Sperrtage einzuplanen, setzen wir ein mutiges Zeichen: Damit verbessern wir den Gesundheitsschutz für die Mitarbeitenden im Betrieb mit Dienstplan, aber auch für die Mitarbeitenden im Backoffice: Gerade in Zeiten der Digitalisierung und wo wir «always-on» sind, stärken wir damit auch die Autonomie der Mitarbeitenden.

Der neue GAV verlangt das Ziel der Lohngleichheit. Warum ist dieses Ziel bei der Post noch nicht erreicht?

2018 beauftragte die Post zum dritten Mal freiwillig das Büro BASS, die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern zu prüfen. Die Post schneidet bei der Untersuchung mit einem Wert von -2,2 % unerklärter Lohndifferenz sehr gut ab. Im 2016 lag der Wert noch bei -3,7 Prozent, im Vergleich zur Schweizer Gesamtwirtschaft mit einer nicht erklärbaren Differenz von -7.7 Prozent im 2016 steht die Post sehr gut da. Wir geben uns damit aber noch nicht zufrieden. Darum habe ich im Namen der Post im letzten Herbst die Charta «Lohngleichheit im öffentlichen Sektor» unterzeichnet. Indem wir das Thema Lohntransparenz nun auch im GAV festgeschrieben haben und künftig bereits in den Stelleninseraten Angaben zum Lohn machen werden, machen wir weitere Schritte in Richtung Lohngleichheit.

Null Prozent Lohndifferenz – ist das nicht illusorisch?

Es ist ein Ziel, auf das wir zusammen mit unseren Sozialpartnern syndicom und transfair konsequent hinarbeiten. Gerade bei den Neueintritten haben wir die Möglichkeit, unerklärte Lohndifferenzen von Beginn weg zu vermeiden und so den Prozentsatz nochmals zu senken. Zusammen mit den Sozialpartnern haben wir zudem auf www.post-courage.ch eine Plattform geschaffen, wo sich Mitarbeitende vertraulich melden können, wenn sie von einer Lohnungleichheit betroffen sind. Die noch verbleibenden Lohndifferenzen sind oft das Ergebnis der früher automatischen Lohnanstiege und in dieser Tradition über die Jahre hinweg entstanden. Korrekturen würden in der logischen Konsequenz zu Lohnsenkungen führen. Das möchten wir nicht, denn die betroffenen Mitarbeitenden können ja nichts dafür.

Der Gleichstellungsartikel wurde deutlich erweitert. Warum ist das Thema wichtig für die Post?

Das ist ein Kernanliegen der Post, wir dulden keine Form von Diskriminierung! Als Service-public-Unternehmen sind wir für die gesamte Bevölkerung da und wir wollen sie in ihrer ganzen Vielseitigkeit repräsentieren.

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Ich arbeite mit meinem Team und mit allen Bereichen der Post zusammen daran, dass wir auch in Zukunft topqualifizierte und motivierte Mitarbeitende für alle Aufgaben und die über 100 Berufsbilder für die Post gewinnen können – aber auch für die neuen Funktionen, die wir im Rahmen der Transformation der Post schaffen werden. Denn wir wollen ja nicht nur die Herausforderungen von heute, sondern auch die von morgen lösen. Dabei wünsche ich mir natürlich, dass wir die lösungsorientierte Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern weiter pflegen können. Das ist absolut zentral. Die aktuelle Krise zeigt es einmal mehr: Die Mitarbeitenden sind das Wichtigste, von ihnen hängt der Erfolg der Post als Unternehmen ab. Ihnen müssen wir Sorge tragen.

Der neue Gesamtarbeitsvertrag der Post

Die Post, die Gewerkschaft syndicom und der Personalverband transfair haben in den Verhandlungen zum GAV 2021 zwei Vertragswerke ausgearbeitet: zum einen den Dach-GAV, der die Zusammenarbeit zwischen den Sozialpartnern regelt und der für rund 70% der Belegschaft der Post CH AG, der PostAuto AG und der PostFinance AG gilt. Zum anderen der Firmen-GAV der Post CH AG, der die Anstellungsbedingungen für die rund 25 000 GAV-Mitarbeitenden definiert. Der Verwaltungsrat der Post sowie die zuständigen Gremien bei syndicom und transfair haben das neue Vertragswerk (Dach-GAV und GAV Post CH AG) gutgeheissen. Damit tritt der neue GAV per 1. Januar 2021 für die Dauer von drei Jahren in Kraft. Er löst den bestehenden GAV von 2016 ab. Der neue GAV bringt wesentliche Verbesserungen für die Mitarbeitenden, insbesondere in den Themen familienfreundliche Anstellungsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Gleichstellung und Schutz vor Diskriminierung.

Die GAV-Mitarbeitenden der PostAuto AG und der PostFinance AG erhalten auf Grundlage des Dach-GAV separate Firmen-Gesamtarbeitsverträge, die den branchenspezifischen Besonderheiten und Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Die PostFinance hat ihre Verhandlungen abgeschlossen, das Ergebnis muss vom Verwaltungsrat der PostFinance sowie den Gremien bei syndicom und transfair noch gutgeheissen werden. Bei PostAuto laufen die Verhandlungen zurzeit noch. 

verfasst von

Muriel Bäriswyl