Hintergründe

«Wir haben sofort reagiert»

Grenzen dicht, Flugzeuge am Boden. Marina Bartetzko-Meyer, Leiterin Asendia Switzerland (ASCH), über den Ausnahmezustand im internationalen Postversand während der Coronakrise.

Sandra Gonseth

Marina Bartetzko-Meyer (54) begann ihre Laufbahn bei Henniez und Nestlé. Seit 1995 ist sie bei der Schweizerischen Post im Internationalen tätig. Heute leitet sie Asendia Switzerland, ist Deputy CEO von Asendia Management und Mitglied der Geschäftsleitung von PostMail. Sie hat 2 erwachsene Töchter und lebt mit ihrer Familie in Bolligen.

Die Läden waren lange geschlossen. Haben Sie auch mehr online bestellt? 

Wegen der prekären Lage bei der Paketzustellung habe ich Online-Bestellungen vermieden und meinen Töchtern quasi «verboten», unnötige Online-Käufe zu tätigen. Doch kürzlich ging der Veloschlauch meiner Tochter kaputt, deshalb haben wir eine Ausnahme gemacht.

Die Schweizer bestellen viel im Ausland. Der grenzüberschreitende Onlinehandel boomt. Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf den Import und Export von Briefen und Kleinwaren?

Das Volumen der Kleinwarensendungen in Europa ist wegen Corona sowohl im Import wie auch im Export um 10 Prozent gestiegen. Als die Shutdown-Warnungen der Fluggesellschaften kamen, reagierten wir sofort: Wir waren eines der ersten Postunternehmen, das einen temporären Annahmestopp für den Export von Postsendungen beantragte. Und wir nahmen damit natürlich auch ein gewisses Risiko auf uns. Denn niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, wie lange es dauern würde, bis die meisten Passagierflieger am Boden bleiben. 

Weshalb war dieser Schritt notwendig?

Da laufend Passagierflugverbindungen eingestellt wurden – und somit auch der Transport der Postsendungen nicht mehr möglich war – wollten wir weiterhin ein zuverlässiger Partner für unsere Kunden sein. Das haben wir mit Transparenz und regelmässiger aktiver Kommunikation erreicht. Alternativ konnten unsere Kunden immer noch den «Urgent»-Kurierdienst nutzen. Zudem hätten wir unmöglich so viele Lagermöglichkeiten gehabt. Und wir haben richtig gehandelt: Nur zwei Tage später wurden die letzten Passagierflüge eingestellt und die Grenzen waren dicht. 

Wie viele Länder waren vom Annahmestopp betroffen?

Wegen des Annahmestopps wurden 84 Prozent der Länder geschlossen, was aber nur 20 Prozent unseres gesamten Volumens betraf. Denn unsere Nachbarländer beliefern wir mit dem LKW. Und alle bis anhin angeflogenen europäischen Destinationen stellten wir nach Möglichkeit auf LKW-Betrieb um. 

Rächt es sich jetzt, dass internationale Sendungen mit Passagier- und nicht mit Frachtfliegern transportiert werden?

Der Hauptgrund für die Nutzung von Passagierflugzeugen für Postsendungen ist, dass wir nur mit diesen täglichen Verbindungen ab der Schweiz in die meisten Destinationsländer gelangen. Zudem profitieren die Postsendungen aller staatlicher Postunternehmen von speziellen Transport- und Verzollungskonditionen basierend auf dem Staatsvertrag des Weltpostvereins (UPU). Dieser sieht die weltweite Verteilung der Postsendungen mit Passagierflügen zu attraktiven Preisen vor. Mit diesem Flugnetz konnte bisher immer der weltweite Service Public sichergestellt werden. Der Transport mit Frachtflugzeugen ist regulatorisch aufwändiger und kostenintensiver, was letztlich die Schweizer Privat- und Geschäftskunden finanzieren müssten.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Arbeit der Mitarbeitenden?

Zum Schutz der Mitarbeitenden setzten wir zuerst die Hygienevorschriften des Bundesamts für Gesundheit in unseren beiden Betrieben in Genf und Rümlang um und stellten, wo möglich, auf Homeoffice um. Beim Export musste sichergestellt werden, die gestrandeten Sendungen über Sondertransporte abzuleiten bzw. an die Absender zu retournieren. Zudem ging und geht es immer noch darum, neue alternative Flugverbindungen zu finden. Das bedeutet wesentliche Mehrarbeit als im Normalbetrieb. Im Import führten die fehlenden Flugverbindungen dazu, dass die Sendungen nicht mehr regelmässig, sondern in Wellen in der Schweiz ankamen. 

Was heisst das genau?

In China steht ein grosses Warenvolumen zum Versand bereit, kann aber wegen fehlender Transportmöglichkeiten nicht eingeflogen werden. Die Chinesische Post sucht deshalb laufend nach Alternativen. Neuerdings sind das auch Frachtlösungen mit dem Zug oder Schiff von China nach Europa. Die Sendungen gelangen dann mit dem LKW direkt ins Briefzentrum International (BZI). Da die Ware nicht wie üblich von unserem Partner Swissport aufbereitet und vorsortiert wird, bedeutet dies eine grosse Umstellung für unsere Mitarbeitenden und verlangt viel Flexibilität.

Und wie haben die Kunden auf die erschwerten Bedingungen reagiert?

Wir haben sehr unterschiedliche Reaktionen erhalten. Gerade zu Beginn der Krise war unser Verkauf sehr gefordert. Später wurde der internationale Kundendienst fast überrannt. Unsere Verkaufsmitarbeitenden sind permanent damit beschäftigt, zusammen mit unseren Geschäftskunden Lösungen zu finden. 

Was bedeutet die schrittweise Lockerung der Schweiz für ASCH?

Das hat eigentlich keinen grossen Einfluss auf unser Geschäft. Wir orientieren uns vor allem an der internationalen Lage. Solange die Flugkapazitäten eingeschränkt sind und gewisse Länder in ihrem nationalen Angebot Einschränkungen haben, können wir unseren Auftrag im Export noch nicht vollumfänglich anbieten. Spannend wird sein, ob die Schweizerinnen und Schweizer weiterhin viel Waren im Ausland bestellen werden. 

Asendia Switzerland

Asendia Switzerland (ASCH) ist ein Profitcenter der Post und bietet den Import und Export von Briefen bis 2 Kilo, standardisierte und spezielle Versandlösungen für Werbesendungen, Geschäftskorrespondenz, Kleinwaren und Zeitungen an. Mit dem Lockdown sämtlicher Fluglinien und der Schliessung der Grenzen wurde ASCH besonders von der Coronakrise getroffen. So ging der Import von Briefen und Kleinwaren um knapp die Hälfte zurück. Nach einem temporären Annahmestopp sind aktuell wieder 89 Länder offen. Das Sendungsvolumen beläuft sich auf 98 Prozent (Briefe und Pakete zusammen). Die publizierten Laufzeiten können aber aktuell nicht immer eingehalten werden.

verfasst von

Sandra Gonseth

Redaktorin