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«Nach Feierabend wird gelernt»

Um Französisch zu lernen arbeitet Paketbote Omid Sharifi zurzeit in Fétigny. Vor dem zielstrebigen anerkannten Flüchtling aus Afghanistan kann man nur den Hut ziehen. Wenn er nicht gerade büffelt, erkundet er seine neue Heimat. Sein Geheimtipp: Wernetshausen!

Mareike Fischer

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Feierabend! Omid Sharifi nach Genuss einer kalten Schokolade in Payerne
Feierabend! Omid Sharifi nach Genuss einer kalten Schokolade in Payerne

Er ist wissbegierig, selbstbewusst – und scheint immer zu strahlen: Paketbote Omid Sharifi. Der 25-Jährige ist vor sechseinhalb Jahren aus Afghanistan in die Schweiz gekommen. Allein. Nach einer langen Odyssee, die ihn über den Iran nach Griechenland und Ungarn führte – um nur einige der vielen Stationen zu nennen.

Bis er endlich in seinem Wunschland gelandet war: der Schweiz. «Davon habe ich schon als Kind geträumt», sagt der junge Mann, «wenn ich Bilder von den herrlichen Bergen und der Natur gesehen habe.» Hier angekommen, lernte Omid fleissig Deutsch. «Mit Youtube-Videos», erzählt er. «Ich habe gleich nach dem Aufstehen damit angefangen und bis spät in die Nacht geübt.» 

Mit dem GA für Lernende durch die ganze Schweiz

In Gossau konnte er als anerkannter Flüchtling das zehnte Schuljahr absolvieren. «Das brauchte ich weniger, um Neues zu lernen – das Abschlusszeugnis war einfach die Voraussetzung für eine Lehrstelle», erzählt Omid. Ein Kollege empfahl ihm die Lehre Logistiker Distribution bei der Post. Omid bewarb sich – und wurde sofort genommen. Die Ausbildung absolvierte er erfolgreich an der Distributionsbasis Hinwil. Nach dem Lehrabschluss konnte die Post Omid dort weiter beschäftigen.

Wandern in der Natur: Das liebt Omid.
Wandern in der Natur: Das liebt Omid.

«Megacool fand ich natürlich, dass ich als Lernender ein GA bekam!» Er sei schon bald überall in der Schweiz gewesen, sagt er. Seine Augen leuchten, als er von den Palmen am Genfersee schwärmt, der Altstadt von Solothurn oder vom Panoramablick vom Pilatus. Besonders schön sei aber Wernetshausen! Dort, im Zürcher Oberland, wohnt der junge Mann bei der Familie einer Arbeitskollegin von der Post.

Temporärer Stellenwechsel fürs Französisch

«Bei der Post habe ich viele Kollegen aus allen Ländern der Welt und einen Super-Teamleiter, der mich unterstützt und auch mal einen Spass versteht. Der Job ist durch die grossen Mengen an Paketen manchmal ganz schön stressig. Aber ich bin echt dankbar, dass ich mir durch die Ausbildung bei der Post in der Schweiz eine Existenz aufbauen konnte.» Besonders gut findet er, dass er früh anfangen kann zu arbeiten und entsprechend früh Feierabend hat. Den er dann nicht zum «Chillen» nutzt, sondern zum Büffeln.

Die Ausbildung bei der Post: der erste Karriere-Baustein für den anerkannten Flüchtling.
Die Ausbildung bei der Post: der erste Karriere-Baustein für den anerkannten Flüchtling.

So spricht Omid heute perfekt Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Er hat ein Sprachdiplom in Englisch gemacht. Und jetzt lernt er Französisch, indem er temporär in der Westschweiz arbeitet. Genauer gesagt: auf der Distributionsbasis in Fétigny. «Mein Basisleiter hat mich auf die Möglichkeit des temporären Stellenwechsels bei der Post aufmerksam gemacht. Das finde ich eine super Sache, dass ich so ganz einfach während der Arbeit meine Sprachkenntnisse verbessern kann.» Auch hier wohnt Omid bei einer Gastfamilie. «Wir reden jeden Abend ausführlich miteinander, so kann ich noch mehr üben.»

Sein Motto: Nach vorne schauen

Ursprünglich wollte Omid ein ganzes Jahr in der Welschschweiz bleiben. Aber jetzt kam die Bestätigung, dass er für die Berufsmaturitätsschule zugelassen ist. Die Aufnahmeprüfung hat er bestanden, ein Stipendium hat er auch noch bekommen. Ab 22. August wird Omid also erst einmal die Schulbank drücken. Und dann? Er strahlt. «Vielleicht eine Ausbildung als Physiotherapeut?»
In drei Jahren will Omid den Schweizer Pass beantragen. Er fühlt sich in seiner neuen Heimat wohl. Und sicher. «In Afghanistan gehst du morgens aus dem Haus – und du weisst nicht, ob du am Abend wieder zurückkommst.» Viel mehr sagt er nicht zu den Gründen seiner Flucht. Er schaut lieber in die Zukunft. «Vielleicht mache ich auch noch die Passerelle und gehe dann an die Uni.» Omid Sharifi hat noch viele Ziele. Und kein Zweifel: Er wird sie erreichen.

verfasst von

Mareike Fischer